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  • Silvia Dober

AssisDance-Hund

Mit einem Hund durchs Leben zu gehen, alltagstauglich erzogen, mehr glücklich als nur nebeneinander existierend, kann eine Herausforderung sein. Für Mensch und Hund gleichermaßen.

Man groovt sich ein, wächst zusammen und verbringt als Hund beim Menschen im besten Fall ein erfülltes Dasein. Zusammen spazieren, abends vor der Flimmerkiste abhängen, ne Runde Damelei und unter dem Esstisch hingebungsvoll Nachlese betreiben, wenn nach der Mahlzeit irgendwie irgendwas irgendwo vom Teller geplumpst ist. Optional ein wenig Sport, im Rudel wandern und einen eigenen Platz in der Familienkutsche. Und geschnuffelt und geknuddelt werden, bis der Arzt kommt. Soviel zum Hund als reines Familienmitglied.

Dann gibt es noch Hunde, die neben der privaten Hundefunktion noch einen Beruf haben. Zum Beispiel Assistenzhunde. Assistenzhunde verfügen über charakteristische Wesenszüge, besondere (erlernte) Fähigkeiten und im besten Fall über verschiedene Gaben, die Menschen mit entsprechenden Bedürfnissen helfen. Der Klassiker ist vermutlich der Blindenführhund, erkennbar am weißen Geschirr. Es gibt Anzeige- und Warnhunde bei Epilepsie, Schlaganfällen, Diabetes oder Migräne. Oder Hunde, die Menschen mit physischen Einschränkungen, PTBS, oder Autismus durch ihr Leben begleiten. Das sind nicht alle Möglichkeiten, doch vermutlich die bekanntesten.

Das Training setzt für den Hund voraus, was für den Familienhund gerne mal in Katastrophen münden kann. Aktiven Ungehorsam zeigen, wenn der Hund zum Beispiel entscheiden muss, daß es gerade zu gefährlich ist über die Straße zu gehen, obwohl es der Halter möchte. Oder der Mensch liegt am Boden und befindet sich in einer Notlage. Der Hund wird nicht panisch, sondern wendet das an, was er gelernt hat. Holt Medikamente, drückt die Notfalltaste am Telefon, bringt das Handy, öffnet die Wohnungstür und holt Hilfe, stupst und manipuliert am Halter, um ihn wieder in die Realität zu bringen, bietet Sicherheit durch die Nähe und Wärme seines Körpers.

Es geht jedoch nicht immer um Leben und Tod, das Gros ermöglicht es einem eingeschränkten Zweibeiner ein uneingeschränkteres Leben zu führen. Dinge zu machen, die ohne entsprechendes Back-up nicht möglich sind. Sei es einfach mal allein raus zu gehen, vielleicht sogar in der Dämmerung. Oder eigenständig zu leben, in einer Wohnung wie jeder andere auch. Man muss keine Angst haben nach Hause zu kommen und dort ist vielleicht jemand, der da nicht hingehört. Da schickt man den Hund, nachdem er das Aufschließen der Tür gesichert hat, vor in die Wohnung, Schnuffi kontrolliert jedes Zimmer und kommt dann zum Halter, der ruhigen Pulses in die eigenen vier Wände kann. Man hat einen Alptraum, der Hund erkennt das, macht das Licht an, weckt den Menschen und bringt ihm zum Beispiel etwas Wasser. Die Palette der Möglichkeiten ist riesig. Genauso riesig ist die Arbeit und die Akribie, mit der man das Mensch-Hund-Gespann trainiert. Denn es geht nicht darum, daß ein Abruf klappt. Und wenn er nicht klappt, dann rufen wir nochmal…und nochmal…und dann sammelt man den Hund ein, solange man ihn noch in der Ferne erblicken kann. Wenn ein Assistenzhund nicht gewissenhaft ausgebildet worden ist, besteht Gefahr und Unsicherheit für beide. Wenn die Ausbildung verantwortungsbewusst und maßgeschneidert ist, dann hat der Mensch nicht nur einen Hund (was ich persönlich schon erfüllend finde), sondern auch einen Schlüssel. Den Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben, mit Freiheiten, die vorher aus diversen Gründen undenkbar gewesen sind.

Und der Hund? Man könnte nun meinen: wat ne arme Sau. Die Artgenossen halten die Plauze in die Sonne und selber muss man 24/7 ackern. Weit gefehlt. Der Hund hat eine Aufgabe, wird gebraucht, gefordert, geliebt, ist nie allein, ist immer bei seinem Menschen, darf nahezu überall mit hin (je nach Freigabe…ein Spaceshuttle ist zum Beispiel nicht relevant). Abgesehen davon gibt es genügend Hunde mit Jobs, davon haben die meisten jedoch geregeltere Arbeitszeiten. Als Assistenzhundetrainerin kann ich nun Menschen mit Bedarf und Hunde, mit dem Potenzial dieses Bedürfnis zu befriedigen, zusammenwachsen lassen.


Mit einem Labradoodle haben wir diese Woche erstmalig einkaufen geübt.

Einkaufen, für viele ein notwendiges Übel, kann auch eine Hemmung sein. Und frustrierend. Wenn man will und nicht darf, ist es eine Sache.

Wenn man will und nicht kann, eine andere.


So sichert das Hilfsmittel Hund den nicht einsehbaren Bereich hinter der Halterin und diese kann halbwegs entspannt (war ja Premiere) schauen, was sie benötigt. Der Hund bewerkstelligt die Wohlfühldistanz zum restlichen Publikumsverkehr, indem er sich zwischen Halterin und Einkaufende stellt. Er sichert mit Körperkontakt, daß sein Mensch auch außer Sicht (Blick ins Regal) weiß, dass der Vierbeiner da ist.

Jetzt fragt man sich vielleicht, ob man dem Tier den Stress antun muss. Das Hundeleben kann doch ein Spaziergang sein.

Ja kann es.

Wenn die Assistenzaufgaben sorgsam trainiert worden sind und beide Spezies zusammenwachsen, dann wird es zum Spaziergang mit dem gewissen Plus. Dann kann man nicht nur laufen, sondern auch tanzen.



Silvia Dober


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