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  • Silvia Dober

Sho Ping...Reise ins Kaufland

Was einen an Reisen in ferne Länder begeistert ist oft etwas, was einen im eigenen Umfeld nicht unbedingt vom Hocker haut. Man flaniert durch die Gegend und guckt sich an, was man eigentlich kennt. Das Überangebot an Reizen, die Gerüche, die anderen Menschen, die Stimmung und auch eine gewisse Aufregung ob der Dinge, die man nur erahnen, aber nicht planen kann. Eine Auslandsreise, die einen an den Rand der Comfortzone bringt, man selber jedoch das intrinsische Bedürfnis hat, es zu erleben, weil es persönlich wichtig ist. Da nimmt man einen 14 Stunden Flug auf sich, stellt sich zwei Stunden für eine Attraktion in die Warteschlange, kommt mit Menschen in Kontakt, die man im eigenen Tanzbereich maximal in der Rückansicht ertragen kann. Und am liebsten wäre man doch auf einem beschaulichen Eiland gelandet, als in einer wild schnatternden und gestikulierenden Menschenmenge.

So gibt es durchaus Parallelen zwischen einem kulturellen Spagat und einem grundbedürfnissestillendem Einkauf. Wie man einen Dolmetscher oder Reiseführer braucht, so kann ein Assistenzhund ebenso die Brücke zwischen zwei Kulturen schlagen.

Diese Woche waren meine Kundin, ihr graulockiger Kamerad und ich im Kaufland. Vielen Dank an dieser Stelle an Kaufland, wir sind dort mit Abstand am freundlichsten aufgenommen worden.

So, wie ein asiatischer Großmarkt für den Tennissocken-Europäer eine Herausforderung sein kann, so geht es auch schon im Eingangsbereich los. Ein riesiger, subjektiv unübersichtlicher Parkplatz, eine gigantische Drehtür, die Ladengeschäfte mit Sinneseindrücken, die man bewältigen muss, bevor man in den eigentlichen Markt kommt. Für die einen ein schöner Auftakt, für die anderen eine Orientierungsbelastung. Beim ersten Besuch war für den Hund die Anspannung ebenfalls größer, denn bis dato waren wir nur in kleineren Läden. Nun, beim dritten Besuch (einkaufen gehen lernt man übrigens beim Einkaufen) konnte der Vierbeiner eine gewisse Routine erkennen und Lässigkeit ausstrahlen.



Man muss seinem Assistenten die Gelegenheit geben, die Notwendigkeiten des individuellen Alltags zu erfassen, damit er adäquat darauf reagieren kann. Aus diesen Erfahrungen baut sich der canine Tausendsassa einen Plan, den er problemlos auf ähnliche Situationen adaptiert. Dann ist die Transferaufgabe geglückt. Der Mensch kann die Bedürfnisse des täglichen Bedarfs stillen, wo er möchte.

Selbstbestimmtes Leben durch den Hund an meiner Seite.

Die Milch ist alle, dann hole ich mir welche. Es sind die profanen Dinge, an denen man sein Glück erkennt. Natürlich geht ein 5-Gänge-Menü mit lauerndem Sommelier im Hintergrund. Aber ein schlichter Strammer Max bei Oma auf dem Sofa (und wehe die Ellbogen kommen auf den uralten Marmortisch…da zieht man dann eher nen össeligen Spannbezug drauf) oder ein kaltes Bier nach dem Rasenmähen bei 1000 Grad im Schatten… es gibt Dinge, die kann man einfach nicht besser machen. So auch: ich habe nur Licht im Kühlschrank, dann gehe ich mal eben los. Ohne Assistenzhund ist das kaum bis garnicht vorstellbar.

Das Gespann lernt gemeinsam mit der Situation umzugehen. Hundi darf nicht Rumschnüffeln, irgendwo beim Müsli aufs Klo gehen, sich an den Regalen bedienen, muss die Frischetheke trotz Nasennirwana ignorieren. Oder, einfach mal in der Ablage bleiben, wenn der Mensch ein wenig am Regal stöbert… auch ein Impulskauf ist ein Qualitätsmerkmal, wenn man am liebsten garnicht oder nur nach dem Augen-zu-und-durch-Prinzip Sachen des täglichen Bedarfs ersteht.

Ich muss entspannt genug sein, daß ich auch erkennen kann, was jenseits meins Artikelstandards/ Einkaufszettels angeboten wird. Muss mich auf etwas anderes konzentrieren können, als auf die Hindernisse, die mich sonst im Exil fesseln. Der Assistenzhund ist das Back-up, das meinem Geist das Ausatmen erlaubt.

Ebenso gibt es Dinge, die nicht mit dem Bruttoinlandsprodukt direkt korrelieren, aber nicht minder wichtig sind. Passanten streicheln Schnuffi, weil der ja sooooo süß ist. Das darf vom Hund maximal zur Kenntnis genommen werden. Hinter der Streicheleinheit herlaufen ist ein Minuspunkt, denn damit würde er die Halterin im Stich lassen. Dieser Vorgang lässt sich super üben, denn …wer würde denn nicht so eine süße Maus knuddeln wollen? Dann kann man in einem Rutsch anhängen, daß er von Fremden nichts nehmen darf. In unserem Fall haben wir es so gemacht, daß er bei Leckerli-Angebot die Halterin anguckt und sich selber so aus der Gefahrenzone der Versuchung bringt. Auch die Begleitung des Einkaufswagens ist ein Punkt, der dazugehört. Für uns alles halb so wild, aus der Perspektive des Hundes… schon komisch. Metallisch, laut, mit Rollen, der Sitz für Kiddis im Wagen klöddert, das Abbiegen in die Gänge, da liegt noch eine appetitliche Eisverpackung, mal hängt eine Tasche dran mal nicht, im unteren Bereich klingelt eine Kiste Wasser und ein gefüllter Wagen versperrt einen Teil des Sichtfeldes. Das Gepiepe an der Kasse, die enger stehenden Menschen und irgendwie muss alles gut und kurz getaktet über die Bühne gehen. Wenn man für diese Eindrücke einen Filter hat, stellt man den passend ein. Wenn man für diese Eindrücke keinen Filter hat, stellt sich der Hund darauf ein. Und hilft. Durch Präsenz, durch Abschirmen zu anderen Menschen, durch Rückhalt und Nähe. Rechtlich gesehen ist ein Hund ein Tier, rechtlich gesehen ist ein Assistenzhund ein Hilfsmittel, menschenrechtlich gesehen ist ein Assistenzhund der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben. Emotional gesehen ist ein Hund der beste Freund, den ein Mensch haben kann.

Freunde halten mich, wenn ich nicht mehr kann. Sie teilen Freud und Leid. Freunde ermöglichen mir, mein bestes Selbst zu sein. Ohne Kritik, ohne Eigennutz, ohne Vorbehalt. Man verlässt sich aufeinander ohne verlassen zu werden.

Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Das wussten nicht nur die Drei von der Tankstelle.

Silvia Dober

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