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  • Silvia Dober

Viel Mitleid erzeugt Leid...


Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid. Mitgefühl bedeutet grob, daß man sich in die Lage des gegenüber hineinversetzen kann.


Man fühlt, wenn es dem anderen nicht gut geht, daß es ihm nicht gut geht. Man selber ist der gleichen Situation ausgesetzt, ohne davon betroffen zusein.

Mitleid…handhabt das schon etwas anders, denn man leidet mit. Erlebt die gleiche Emotion, münzt sie auf sich.

Der arme Hund! Kommt aus einem Shelter, aus dem Tierheim, wurde verlassen, ist verwaist, wurde traumatisiert…die Möglichkeiten sind mannigfaltig.

Nur, was bringt diese Haltung dem Vierbeiner?

Niggs, nischte und garnichts.

Im Fall des Mitleids wirft man sich quasi mit dem Haarmonster in die gleiche Kuhle. Man fühlt sich schlecht, wenn man weiß, wie es dem Tier bisher ergangen ist. Problem bei der ganzen Herangehensweise ist nun, daß der Hund nicht weiß, warum es dem Halter nicht gut geht. Vielleicht ist man auch ein schlimmer Hund, denn immer, wenn mein Mensch mit und von mir spricht, dann sieht er aus, als ob er wegen eines Seelsorgers mal besser in der Bahnhofsmission klingeln sollte.

Wenn mein Kind zum Zahnarzt muss und Angst davor hat, dann steigt man darauf auch nicht ein. Man leidet nicht mit und hat genau soviel Angst auf dem Weg zum Dentisten. Sagt nicht solche Sachen wie: Ich fand Zahnarzt auch immer schlimm, das tut bestimmt wieder weh, hoffentlich blutet es nicht oder du erstickst an dem Absauger!

Das ist es sinnvoller motivierend zu unterstützen und die Angst des kariösen Nachkömmlings zu managen.

Zum Beispiel: Zahnarzt find ich auch nicht toll, aber jetzt behandelt, kannst du den Zahn behalten. Ich fahr mit dir dahin und bin die ganze Zeit bei Dir.

Man nimmt die emotionale Schieflage wahr, bietet Rückhalt und schreit nicht in Panik zusammen mit dem Lütten die Fische aus dem Praxisaquarium.

Eine Einstellung, die leichter kommuniziert wird, als sie umzusetzen. Bei unserer Gin, einem Schäferhund-Pointer-Mix, war es zum Beispiel so.

Wir bekamen sie mit 2 Jahren. Also eher bekam sie uns.

Zu der Zeit ging ich öfter mit einer Freundin mit Hunden aus dem Tierheim spazieren. Wir trafen uns schon ewig und drei Tage auf einen Kaffee und 63564 Worte. Da kann man den Kaffee auch später trinken und die Worte bei einem Spaziergang wechseln.

Wir hatten uns, wie immer angemeldet, doch als wir ankamen, waren alle Hunde weg. Also die, mit denen man sonst als Besucher so gehen kann. Da noch Hunde auf dem Gelände waren sagte ich, wir nehmen alles, was sich bewegen kann und sonst niemand will. Die Mitarbeiterin drückte mir Gin in die Hand und sagte: mit der will keiner gehen, die hat so lange Beine und lässt den Kopp hängen.

Kurz zusammengefasst, aber korrekt. Ein großer, trauriger, unsicherer Hund. Nach zehn Metern war es dann um mich geschehen. Nach dem Bewegungsblock und Rückgabe des Hundes, frug ich, wie es denn mit der kleinen Maus aussähe. Ein struppiger Köter, viel zu dünn, null Ego und lief am liebsten unter der Grasnarbe durch die Welt.

Gin war das vierte Mal im Tierheim. Jedesmal angebunden und verlassen worden. Irgendwo unter dem ganzen Biomasseverhau war ein wunderhübsches Wesen, aber bis dato hat sich niemand die Mühe gemacht, diesen Hund zu finden.

Lange Rede kurzer Sinn, Gin landete bei uns und es passte wie Arsch auf Eimer.

Wir fanden zeitnah raus, warum sie aussah, wie ein Heizkörper mit Haaren und vor Verlassensängsten strotze. Die Gnädige hatte eine Pankreasstörung und konnte rückwärts durchs Schlüsselloch in eine Maggi-Flasche kacken. Sprühwurst war das Stichwort. Die Verdauung war mistig und was verdaut wurde…hatte was von einem ausgelösten Feuerlöscher, nur unten rum. Nach Vergabe von Enzymen zum Essen und kubikmeterweise Liebe und Rückhalt war das Problem nach gut eineinhalb Jahren gelöst. Danach war sie nur noch ein normaler Hund.

Zurück zum Mitleid. Natürlich wird der Bekanntenkreis investigativ tätig, wenn man ein neues Familienmitglied vorstellt. Und natürlich wollten sie auch wissen, wo Gin herkam, ihre Geschichte und wie sie ins Tierheim kam. Und dann ging es los.

Ohhhh, die arme Kleine! Nein, wie konnte das nur passieren. Dabei ist sie doch sooooo hübsch. Wird sie denn jemals gesund? Hat sie gerade Schmerzen?

Und alles, während an dem Hund rumgehuddelt wird, sorgenvolle Minen, Schnappatmung… und Gin dachte, sie trifft gleich ihren Schöpfer. Wenn alle so in Sorge sind, offensichtlich geht es auch noch um sie…das ist kein gutes Zeichen.

Das externe Zweibeiner-Rudel kondolierte nahezu, obwohl sie einen kräftigen Puls vorweisen konnte.

Aber, wenn sich alle Sorgen machen, dann ist das bestimmt berechtigt.

Folglich veränderte sich die Mimik. Walt Disney hätte bezüglich herzzerreißendem Blick und Sorgenfalten im Marmorkuchenhund (sie war in Wurzelholzoptik gestromt) noch etwas für seine Schmacht-Leid-Szenen kopieren können.

Ja, Madame hatte es nicht leicht gehabt. Wenn ein Rudeltier mehrfach verstoßen/verlassen wird, da bekommt man den ein oder anderen Knacks und als Nachtisch ein paar Ängste, Stress und Macken. Fördert so zusätzlich eine Reizdarmsymptomatik.

Das sollte nun anders werden. Wir stellten sie dem Onkel Doktor vor und ihre Sozialstruktur wurde grundlegend geändert.


Aus Mitleid wurde nur MIT. Mit uns.


Sie hatte bei uns lebenslänglich und musste es nur noch begreifen.

Medizinisch verantwortungsvoll umhüllt.

Nicht: der Köter kackt mir die Bude voll, der muss weg.

Die Symptomatik war bei uns die gleiche, wie bei den anderen Haltern. Wir sind nur anders damit umgegangen.

Es bringt für das Lebewesen Vorteile, wenn der aktuelle Stand der Existenz nicht nur zur Kenntnis genommen und nach zweibeinigen Statuten gewertet wird.

Man muss die aktuelle Situation so anpacken, daß möglichst am Ende alles gen Optimum strebt.

Das geht aber nicht, wenn man bei der halbherzigen Bestandsaufnahme hängen bleibt, für jegliche Besserung gesperrt ist und ein krankes Tier einfach wieder abgibt, statt sich darum zu kümmern.


Gins Verdauungsapparat wurde mit Medikamenten wieder eingenordet.

Ihre Psyche wurde mit Rudelverhalten, sie war damals der zweite Hund im Haus, balsamiert. Ihre Unsicherheit und Angst vorm wieder verlassen werden verblasste, denn bei uns hatte sie lebenslänglich (was sie erst selber herausfinden durfte).

Wir brachten ihr Mitgefühl und Verständnis entgegen, motivierten und hielten sie in unserer Obhut. Mit der Zeit nahm sie zu, denn die Nahrung konnte nun komplett verwertet werden. Sie hatte immer weniger Angst und Unsicherheit, denn sie traute sich, uns in ihr Herz zu lassen.

Gin war elf ihrer 13 Jahre bei uns.

Der Verlust der vier vorherigen Halter, war unser Gewinn.

Als sie uns verließ, war das Leid auf unserer Seite.

Ich höre sie nachts immer noch schnarchen.




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