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  • Silvia Dober

Wann ist es soweit?

Irgendwann gibt jeder den Löffel ab, die einen früher, andere holen sich Nachschlag.

Chronische Erkrankungen (Diabetes zum Beispiel) beeinflussen einen lebenslang. Akute Vorkommnisse, wie Unfälle sind kurzfristig auftretende Ereignisse, die entweder ebenso kurzfristig belasten (Wunde heilt ab) oder langfristig begleiten (Amputation).

Bei einer Diagnose, die den Hund prinzipiell schon als tot deklariert, obwohl Wuffi gerade munter dem Tierarzt in die Einfahrt kackt, beginnt ein Lebensabschnitt, der es schwierig macht. Schwierig, nicht dabei wahnsinnig zu werden, schwierig diesem Abschnitt den Charakter von Leben zu geben.


Ein Beispiel? Krebs. Relativ unauffällig kommt das desaströse Biest daher, ohne Schmerzrezeptoren muckt eine Leber auch nicht sonderlich auf. Die Verdauung läuft nicht mehr planmäßig, es wird nicht mehr alles an Nahrung vertragen und ab und zu gibt es mal Sprühwurst beim Spaziergang. Vorsichtshalber schaut man beim Tierarzt vorbei, der ein Blutbild macht. Dann noch ein Ultraschall. Das Resultat ernüchternd. Es ist noch ein bisschen Leber da, der Rest sind lauter kleine Tumor-Kaulquappen. Inoperabel. Und nun?

Nicht selten wird ein Hund bei einer letalen Diagnose erlöst. Erlöst,...aber wovon? Das Tier hat keine Schmerzen, frisst, nimmt am Leben teil und freut sich desselbigen. Vermutlich, weil ihm keiner gesagt hat, daß seine zukünftigen Homies Regenwürmer werden.

Mit diesem Schlag in die Magengrube geht es nach Hause. Der Hund guckt mich fragend an, weil meine Augen regnen. Wenn der Schock halbwegs verarbeitet ist, die Optionen ausgewertet sind, beginnt ein neuer Tag. Alles Lebende muss sterben.


Wenn der Tod auf einen zugaloppiert, kann man versuchen schreiend wegzurennen, oder man guckt der Sau ins Gesicht und bietet ihr die Stirn. Schläfert man das Tier unter solchen Umständen ein, ist es auch aus Selbstschutz, denn alles, was kommt, wird nicht leichter.

Jedoch... ohne den Mensch gäbe es keine Euthanasie.


So gibt es eine zweite Möglichkeit, die heißt Hospiz. Dort wird jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Man darf essen, was man will. Machen, wozu man lustig ist. Schlafen bis in die Puppen oder einfach nur in der Sonne liegen und jeden Strahl genießen. Hautkrebs spielt ja keine Rolle mehr.


In meinem Rudel gibt es solch einen Gesundheitsdeserteur. Im Dezember kam die Diagnose. Mittlerweile wiegt er nur noch 17kg, sieht aus wie gerupftes Huhn, erhält 3 Medikamente und die Physio kommt regelmäßig ins Haus. Wichtig ist, daß der Hund nicht wie ein Kranker behandelt wird. Nicht im Mitleid ertränken, auch nicht in Tränen. Die Fütterung wurde auf das Bedürfnis angepasst, 5-6 Mahlzeiten anstatt von 2 pro Tag. Und... was sie will: Forelle, Apfelkuchen, Kochschinken, Butterklümpchen, Lamm-Leberwurst von Bioland, Babyglas, Sülze, Béchamel...und beim Fleisch für die anderen ist sie eh dabei. Man kann Leberkost füttern, davon lebt man länger, weil es auf das Krankheitsbild abgestimmt ist. Die mag sie aber nicht. Dann mampft sie lieber nix. Davon lebt man noch weniger lang.


Seit März tragen wir sie jede Stufe, denn Treppen sind nicht mehr drin. Wenn mal ein Spaziergang ausgelassen wird, ist das kein Problem. Sie kann nicht mehr mit in die Stadt oder zum Training, weil es zuviel Stress ist. Die Aufregung laugt sie aus. Also packt man das fusselige Gestell ins Auto und fährt einfach mal in der Siedlung um den Pudding, dann ist sie mit, darf Auto fahren und hat trotz gesteigerter Anfälligkeit das Gefühl dabei zu sein.


Denn darum geht es: beim Rudel sein, in der eigenen Wohlfühlgarnitur. Krank sein ist schlimm, rottig aussehen ist irrelevant, ohne das eigene Rudel sein ist Schikane. Das hält man nur tot aus. Aber soweit ist es nicht. Es geht abwärts, keine Frage. Das ist ab dem Tag der Geburt so. Wenn man jedoch das Strullen im Garten unterbricht, um den Igel zu jagen, dann ist das durchaus noch Anteilnahme am Leben. Der Igel holt sich einen Liegestuhl und Sonnencreme, bis Hundi in Zeitlupe ataktisch angestöckert kommt. Auch einerlei. Wichtig ist, daß der Hund schmerzfrei ist und noch Bock hat. Der Igel ist auf der sicheren Seite und der Hund kann selbstbelohnendes Jagdverhalten ausüben. Wenn ich nicht mehr will, dann ist Belohnung und der Kick kein Ansporn.


Bei einem kranken Tier muss man sich täglich fragen, ob man alles richtig macht, ob man mehr tun kann, oder ob es nun gut ist. Dazu die gesteigerten Kosten, aktuell monatlich rund 250€ extra. Das ist nicht unerheblich, jedoch spare ich die nächsten 5-7 Jahre Futter, Steuern, Versicherung usw. Man macht es für den Patienten, nicht für sich.

Hätte ich sie gleich eingeschläfert, hätte ich es wegen des Diagnoseschocks getan, wegen der Angst, was nun kommt, damit sie bloß nicht leiden muss.

Aber man kann sich auch dafür entscheiden, wertvolle Zeit miteinander verbringen. Der verbleibenden Zeit mehr Wert zu geben. Es ist ein langer, schmerzvoller Abschied. Doch man hat soviel Momente des Glücks geschenkt bekommen, die man noch gemeinsam erleben darf. Lustige Momente, wo man ihr den Triumph ansieht, wenn es Essen gibt (was definitiv nicht für Hunde geeignet ist), wo der Rest des Rudel-Publikums mit langem Gesicht leer ausgeht und sie es sich genüsslich reinpfeift. Schöne Momente, in denen man gemeinsam durch den Wald schlendert. Erfolgsmomente, wenn sie gelernt hat ihre neuen Wünsche (Ey, ich will die Etage wechseln!) bewusst mitteilt und einfordert. Ein Hund, der nicht mehr leben will, lernt nicht mehr, wird apathisch.

Es dauert zwar gefühlt eine Woche bis sie an der Tür ist, aber Besuch wird begrüßt. Anschlagen...dafür muss man nicht aufstehen, das geht auch im Liegen. Mit ihrem Lieblingsfreund, einem wuseligen Dackel, spielt sie immer noch bei jedem Treffen in der Natur und der Dackel hat nun eine reelle Chance.


So, wie sich der Hund in der neuen Situation zurechtfindet, so arrangieren wir uns auch. Man sieht den Weg abwärts und dennoch ist Lebensqualität da. Lässt sich ihr Wille durchaus spüren. Sie jagt im Schildkröten-Style einer Katze nach. Als Halter untersagt man das natürlich sofort. Der Hund guckt mich an: Danke für die Info, aber nein-danke bezüglich der Umsetzung... und setzt die Slow-Motion-Hatz fort. Vor der Garage wird die Katze gestellt, die die komplette Abwehr-Show abzieht. Da komme ich um die Ecke und Hundi guckt mich an: Mmmmh, da steht ne durchdrehende Katze. Was wollte ich damit machen? Und warum ist die so aufgebauscht? Hab ich irgendwie vergessen... Man sammelt den Hund ein und freut sich, daß man nochmal zusammen nach Hause gehen darf.



Wenn sie nicht mehr fressen will, Schmerzen hat oder nicht mehr aufstehen kann, dann ist der Zeitpunkt gekommen, daß ich mich von ihr verabschieden muss. Sie in den Armen halte, wenn sie den letzten Atemzug macht. Bis dahin ist jeder Tag wertvoll. Körperliche Nähe erreicht ein anderes Level, beieinander und sein. Im Jetzt. Mit Puls. Vertrauen, Halt und Liebe strömen.

Wie man in der Situation damit umgeht, kann man von keinem vorgeschrieben bekommen. Das ist individuell und persönlich zu entscheiden. Einschläfern kann auch eine Form von Gnade sein.

Ein Hund ist ein Leben lang treu und unabdingbar an der Seite des Menschen.

Komme, was da wolle. In guten, wie in schlechten Zeiten.


So mache ich das auch für meine Hunde. Bis zum letzten Tag.


Silvia Dober

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