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  • Silvia Dober

Theologgieeh


Kaum zu glauben, aber die ersten 15 Monate sind rum. Was für eine Zeit kann ich nur sagen.

Als Theo Mitglied unserer Familie wurde, war er noch ein ganz anderer Hund. Wir machten ihn an seinem ersten Tag bei uns im Wohnzimmer von der Leine. Er suchte gleich sein Heil in der Flucht und wollte durch das geschlossene Wohnzimmerfenster abhauen. So nen Brocken von Spatz an der Scheibe hatten wir auch noch nicht gesehen. Ein 20kg Vogelhund macht den Sittich. Doch die Scheibe hielt, unter beeindruckendem Scheppern, welches man bis in die erste Etage hörte.

Der Idiot, könnte man sagen, was rennt der Trottel vor das Fenster. Das arme Vieh, sagten wir. In Verzweiflung flüchten, ohne zu Wissen, was einen erwartet. Ohne auch nur Interesse oder Hoffnung zu haben, daß andere Menschen nicht so sind, wie die, die er bereits erlitten hat. Von erleben konnte man kaum sprechen.

Theo war zu diesem Zeitpunkt 19 Monate alt, untergewichtig, stumpfe Augen, Klobürstenfell, nicht stubenrein. Physisch und psychisch eine runtergewirtschaftete Müllkippe. Er hatte vor allem Angst. Nicht nur ein Unwohlsein, nackte Angst. Man niest in die Armbeuge, er flüchtet und unterwegs suppt die Analdrüse. Gut, das Erdgeschoss kann man bei uns komplett wischen, aber so ein Todesangstsprotzer ist sogar für Menschen riechbar und in den Top 5 der Würgereizaromen.

Theo hatte Senge bekommen, mit der großen Kelle. Dies zeigte sich nicht nur in seiner Baustelle Körper. Die ließ sich durch unsere Haus- und Hofkneterin in einigen Sitzungen wieder reparieren. Der linker Kiefer, Atlas, 3. Halswirbel und 11. Brustwirbel blockiert, drei Brustwirbel in die gleiche Richtung verschoben, rechter Vorderlauf Beugesehe hinüber und arthrotischer Zeh (in dem Alter!), beidseitig das ISG dicht, das Kreuzbein kippt in die falsche Richtung (dorsal), eingeschränkte Hüftstreckung beidseits, das linke Knie war geschwollen (konnte auch ein Lymphstau wg. des Kreuzbeins sein) und eine Schädelkorrektur gab es auch noch. Nach drei Monaten hat er die Rute oben getragen, was ihm unter anderem den Spitznamen Pinseläffchen einbrachte. Nach rund sechs Monaten hat er das erste Mal gehechelt. Nach acht Monaten hat er das Wedeln für sich entdeckt. Mittlerweile kann man Besteck aus der Schublade holen, ohne, daß er schreiend wegrennt. Alles, was irgendwie gerade ist, ist ihm suspekt. Kugelschreiber, Kochlöffel, Geschenkpapierrolle, Zollstock…die Reaktion war immer die gleiche: Augen zu und weg. Mittlerweile ist es ihm zwar noch suspekt, aber er guckt zumindest hin. Verseucht uns nicht mit seinen Rektalbomben die Luft. Hat nicht mehr soviel Angst, daß er ständig den Afterburner aktiviert. Kommt interessiert dazu, wenn es etwas zu erkunden gibt.

Ellie (4 Monate jünger ist als er) ist ihm eine große Hilfe gewesen, den Kontakt zum Menschen wieder zu ertragen. Von Kontakt aufbauen konnte zumindest von seiner Seite aus, keine Rede sein. Insgesamt hat der kleine Butzemann nun 8,5kg zugelegt und sieht nun wie ein Hund aus. Verrückt, was man mit gutem Futter, Zeit, Bewegung und Fürsorge erreichen kann.

Draußen…wird es allmählich ertragbarer. Für alle. Er ging alles an, was sich bewegt. Angriff ist die beste Verteidigung. Gewesen. Nun ist die Lebensform, die früher die Scheiße aus ihm ratsgeprügelt hat, plötzlich dazu da, etwas zu regeln, die Führung zu übernehmen und Verantwortung für die Untertanen zu übernehmen. Wat ne Wendung! Er möppelt wie ein alter Mann und mault protestierend, wenn ihm das gegenüber nicht passt. Natürlich ist der Angriff noch in ihm, als Bardino-Podenco-Mix ist das in den Genen. Wachfunktion und Jagdtrieb, gepaart mit dem Intellekt eines Baumschülers. Sackdumm, reizbar, und stur. Aber nicht schlimm, denn wir basteln einfach an ihm rum und gucken, ob wir nicht doch noch die ein oder andere Gehirnzelle aktivieren können. Er springt nicht mehr auf den Esszimmertisch, pinkelt nicht mehr ausschließlich an die Spülmaschine oder in den Wohnzimmerschrank (war nach drei Wochen stubenrein) und rennt nicht mehr weg, wenn man nach hause kommt. Im Garten ist er mittlerweile im Freilauf und fetzt mit Ellie wie ein Irrer durchs Grün. Er ist brutal schnell, schafft im Rennen mit einem Laufschritt locker 4m. In den Kurven lutscht er sporadisch an der Grasnarbe, weil er die eigene Kraft nicht dosiert auf seinen Allradantrieb verteilen kann. Wird aber besser. Ein wenig Grasabrieb kann nicht nur adrett sein, die Hoffnung ist bekanntlich auch grün.

Letzten Monat hat er dann erstmalig…zaghaftestens...mit mir gespielt. Ellie und ich kloppten uns gerade ausgiebig und hingebungsvoll um ein Tau, da kam er in Zeitlupe um das Sofa gepirscht. Immer wieder hatten wir ihn beim Spiel eingeladen, doch sämtliche Offerten verblassten zuvor. Nun war der große Moment gekommen, Supermann-Cape umgeschnallt, teflonbeschichtete Unterwäsche angezogen, einen Fuß auf dem Kick Down…aber, er wollte wirklich. Da konnte ich das vielbesungene „weiche Maul“ der Podencos erleben. Während Ellie eher eine Mischung aus Fahrkartenlocher und Industrieschrottpresse ist, greift Theo wie ein Gefäßchirurg zu. Beinahe zärtlich schnappt er sich die Beute. Ein kurzer Moment der Irritation…keine Kloppe…aber hergeben-macht die Chefin jetzt auch nicht freiwillig…dann ziehnwama nen bischn. Ui, das macht ja Spaß!

Mittlerweile, zwar immer noch vorsichtig, spielt er schon resoluter. Beißt zu, nachdem er keine Finger im Fang ausgemacht hat, und wirft sich mit dem ganzen Köper nach hinten. Was meine Arme ungleich lang, mich aber glücklich macht. Er beginnt sich zu trauen! Herrlich. Bei Lara, meinem Malinois, hat es damals zwei Jahre gedauert, bis aus ihr ein Hund wurde. Bei Gin eineinhalb Jahre. Theo hat somit grob Halbzeit. Und, wenn er länger braucht, ist es auch egal.

Theo ist ein Hund, der in seinem vorherigen Leben, während des Reifungsprozesses, nichts Gutes kennengelernt hatte. Außer Angst vor Menschen und deren körperlicher Gewalt zu haben. Keine ausladenden Spaziergänge, kein regelmäßiges Essen, keine Vertrauensbasis zum Leinenende, kein Umwelt kennenlernen. Keine reflektierte Nutzung des Birnchens, nur existenzbasiertes Handeln als Einzelkämpfer. Ein Rudeltier, daß er Meinung war, allein besser dran zu sein. Ein Armutszeugnis für den vorherigen Halter, ich wünsche ihm ein kuscheliges Plätzchen in der Hölle.

Wir haben aus ihm keinen abhängigen Flohzirkus gemacht. Wir gaben ihm Zeit und ein klares Konstrukt. Futter und vorausschauende Berührung. Mittlerweile kann man ihn herzhaft durchstrubbeln, euphorisch mit ihm toben, und ein paar Handlungsempfehlungen hat er auch in sein Vokabular übernommen. Das Zucken ist in abgeschwächter Form geblieben.

Er wird nie Platz oder Sitz machen, weil man ihm das sagt. Alle Alltagshilfen, die er für sich als umsetzbar befindet, setzen voraus, daß er stehen kann. Wer stehen kann braucht weniger lang zur Flucht, weil man nicht erst aufstehen muss, um wegzurennen. So wird es eben angepasst, daß er sich dabei wohlfühlt und ich es dennoch verwenden kann.

Warte, Komm,Treppe (wenn es raus geht müssen sie die Kötis auf die unteren Stufen setzen, dann muss ich nicht nicht bücken, um sie anzuziehen. Oder beim Reinkommen zum Pfoten abputzen…), Auf, Runter, OK, Matte, Zurück, Voran und er kennt seinen Namen. Alles ein wenig reduziert, wenn ich das mit Paddy, Gin und Lara vergleiche. Ellie ist als HSH-Mix ebenfalls anders gepolt, als das erstgenannte Trio. Mehr, als ein Vergleich im Sinne einer Feststellung, wird es jedoch nicht.

Jeder Hund ist ein Individuum, mit einer eigenen Geschichte. Mit einem eigenen Charakter. Wo setze ich das Maß an, wenn ich von allen das Gleiche im identischen Versuchsaufbau erwarte?

Ich erwarte dann, daß alle unter den gleichen Umständen aufgewachsen sind, alles das gleiche erlebt haben. Alle das gleiche emotionale Rüstzeug besitzen. Selbst, wenn man Wurfgeschwister als Rudel hält, sind nicht alle identisch. Der eine ist vorsichtiger, der andere ist mehr Kneipenschläger im Timbre. Manche kriegen im Flüstermodus schon Haarausfall, andere legen sich in einem Nebelhorn zum Nickerchen. Wenn man hinter der Fassade den Charakter eruiert, diesen dann adäquat adressiert und trotz diversen Ausgangsvorraussetzungen ein Ziel verfolgt, dann erhält man ein Rudel. Eine Einheit.

Ein Team aus Individualisten, daß an einem Strang zieht. jeder Charakter darf sich zeigen, wie er ist. Es muss sich nur jeder an die Hausordnung halten.

Und am Abend liegt man entspannt mit den quadropoden Wärmflaschen aufm Haufn zusammen vorm Soffa und lässt den Tag ausklingen.

Silvia Dober



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