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  • Silvia Dober

Schlabbern for peace

Charakterstark, hingebungsvoll und eigenständig. Typische Eigenschaften eines Dackels. Der dreijährige, kastrierte Rüde ist ein Herzensbrecher, wie er im Buche steht. Der magnetisch wirkende Dackelblick, der einem aus dem strubbeligen Birnchen entgegen schmachtet, da kann man schon einknicken, und sich in den kleinen Größenwahnsinnigen verlieben.

Rocky wurde abgegeben, vermittelt, wieder zurückgebracht und ist aktuell zur Vermittlung frei gegeben. Der Lütte sieht aus, als ob ihn kein Wässerchen trüben könne, doch weit gefehlt. Seine Körpersprache und Warnsignale sind im Positiven mehr als deutlich, im Negativen leider nur gehaucht. Freude ist überschäumend, begeistert sprudelt er auf einen zu, spielt so, daß es auf den Fließen zum Funkenflug kommt.

Nur, wenn er den Kanal voll hat, dann geizt er ein wenig mit der eigenen Darstellung. Sowas passiert, wenn man nicht jede Emotion zeigen darf und der eigene Ernstfall nicht ernst genommen wird. Seine Contenance läuft auf Flugbenzin.


Das liest sich ein wenig tricky, in echt …isses das auch.

Der Struwwel-Köter sollte das Geschirr gewechselt bekommen. Seit einer Weile.

Problem ist nur, wenn man Rocky seiner Fluchtmöglichkeit beraubt (z.Bsp. an zwei Punkten festhält) oder für ihn unvorhersehbar und in negativer Weise hektisch wird, sieht sich der unfrisierte Charmeur im Zugzwang, sich verteidigen zu müssen. Sowohl in seinem Leben vor dem Tierheim als auch in seinem zuletzt vermittelten Eigenheim hat der Dackel die Zähne verwendet. Die Vorfälle sind im nahen Körperkontakt passiert.

Na, dann mal munter ans Werk!

Bei meinen wöchentlichen Besuchen im Tierheim hatten Rocky und ich uns schon ein paar Mal zusammen verlustiert.

Erstmalig zur Beurteilung des Schrumpfinators, dann zum Arbeiten, Spielen und zur Schulung seiner Pfleger. Heute stand der Umzug an.

Das klingt so voluminös, wie ein Wohnungswechsel. War es auch irgendwie. Rocky trug ein 3-Punkt-Sattelgeschirr. Ziel war es, ihn in einem Gurtgeschirr zu sehen. Das lässt mehr Luft an den Astralleib, das Fell kann besser von ihm und anderen gepflegt werden (Hunde haben ein Hygienebedürfnis) und Schnubbelchen mariniert nicht nach Regen im eigenen Saft.

Bevor man an die neuen Strapse denken konnte, musste das aktuelle Gewand erstmal weichen. Das ist nicht ganz so simpel, weil festhalten und dran rumfummeln lassen steht nicht in seinem Betriebsanleitung.

Er liebt den Körperkontakt zum Menschen, lässt sich wahnsinnig gern streicheln ...wenn er die Option zu gehen hat. Und, wenn er den Zweibeiner angemotzt hat, daß es zu viel war, kommt er im gleichen Atemzug und beschwichtig sich die Hacken ab. Kriecht in einen rein, leckt die Hände, macht sich klein und rutscht auf Knien der Verzweiflung vor einem her. Wie kann man nur von seinen vorherigen Haltern so enttäuscht werden, daß man befürchtet, wegen jeder selbstbestimmenden Handlung nicht mehr geliebt zu werden?

So winzig die 7kg-Möhre auch ist, sein Liebebedürfnis passt so gerade eben auf eine LKW-Waage.

Ich warte in der Deele auf die vierbeinige Spülbürste, die Tür geht auf und der canine Kugelblitz jagt wie eine wärmesuchende Rakete auf mich zu. Die Laufrichtung konnte man gut am Kondesstreifen verfolgen. Wetta issa fix!

Wir begrüßen uns jenseits von Fremdschämen und nach kurzem cool down begann die Arbeit. Zumindest für mich, dem Nudisten in spe haben wir nichts gesagt.

Sobald er im Streichelmodus war, wurde zum Streicheln ein wenig am Geschirr manipuliert. Etwas festhalten, gleich loslassen, wieder festhalten usw. So bekam er die taktile Info „fixiert“ zu werden, aber es war schneller vorbei, als er es umsetzen konnte. Dazwischen immer wieder laufen und erkunden lassen, damit sich der Stress nicht so aufbaut und er alternierende Phasen von Konfrontation und Entspannung hat.

Es auf Gedeih und Verderb durchziehen, nur damit man feddich wird, is nich gut.

Ups, wie ist das denn passiert, die erste Schnalle is auf! Gar nicht so einfach den Clip zu drücken, wenn man den Handtaschen-Werwolf nicht eingrenzen darf.

Immer, wenn er mimisch und körperlich anzeigte, daß er den Kanal gleich voll hat, gab es eben eine Pause bei der Handlung. Das wurde dann stante pede dankbar mit schlabbern und reinigeln honoriert. Zweite Schnalle gelöst. Das Geschirr trudelte um ihm rum. Was ihm völlig Wumpe war, denn mit ungebremster Heiterkeit inspizierte er jeden, der die Deele passierte. Das Schwierigste war die Schlaufe vor der Brust. Die ging einfach nicht über seinen Dickschädel. Alles versuchte klappte nicht so, wie erhofft. Die Schlaufe musste größer werden.

Leider blieb das Ziehen nicht aus. An Rocky rumziehen fällt in die Kategorie no go. Und bäm …explodierte er.

Er hat übrigens wunderhübsche, strahlend weisse Butterkekszähnchen. Des Dackels angstbasierter Angriff verhält sich wie kochende Milch. Nimmt man den Kuhsaft von der Platte, verzieht er sich in wieder in den Topf. So ist es mit dem Kurzbeinigen auch. Reagiert man mit Ruhe und Gelassenheit, fährt er genauso schnell wieder runter, wie ihm die Sicherung angeschmort ist.

Trotz seiner aufrichtigen Selbstverteidigung ließ ich mich davon nicht beeindrucken, hielt in meiner Handlung lediglich inne, wich keinen Millimeter von meinem Standpunkt. Rocky guckte mich an: ok, dann eben nicht…ich weiß auch nicht, wie das eben passiert ist….als Entschuldigung mache ich dir die Hände sauber.

SCHLABBERN FOR PEACE

So mache ich es generell mit meinen Eleven. Es wird das gemacht, was ich will, der Hund nimmt nur Einfluss auf das Tempo.

Das Tempo bestimmt, ob der Vorgang stressig, egal oder toll ist.

Unwesentliche eineinhalb Stunden später war das Sattelgeschirr runter und ein schnittiges Gurtgeschirr zierte den kleinen Rollbraten. Überall auf dem Boden lagen puschelige Fell-Rocky-Mountains, denn in einem Rutsch haben wir ihm ordentlich den Balg geschrubbelt, was er genoss. Mit Leckerli ging das neue Geschirr elegant auf den sympathischen Neurotiker und am Ende waren alle happy. Sogar der Hund, der es nicht mag begrenzt zu werden, lief aprilfrisch zwischen allen herum und genoss den Trubel.

Rocky passt auf jeden Schoß, ist aber kein Schoßhund.

Rocky denkt, er muss sich verteidigen. Hat aber Angst vorm eignen Angriff, denn was ist, wenn der Mensch nachlegt?

Rocky weiß nicht viel und lernt schnell. Ohne einen verläßlichen Partner (neuen Halter) an der Seite, lernt er viel ungereimten Scheiß, weil er keine Bezugsperson hat, die ihm die Welt erklärt. Auf die er sich verlassen kann, die ihn uneingeschränkt liebt.

Rocky kauft sich nicht einfach das dritte Cabrio und füllt so, das Loch in seinem Herzen. Er sitzt in diesem Loch.

Rocky ist kein Hund für jedermann. Das braucht er auch nicht sein.

Er braucht nicht jemanden, der ihm die Stirn bietet.

Er braucht jemanden, der ihm sein Herz zeigt und die Hand reicht, um aus dem Loch zu kommen.

All we are saying is give peace a chance (John Lennon, 1975)

Silvia Dober

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