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  • Silvia Dober

Paddy-Kür

Nach mehreren erfolgreichen Stadtspaziergängen auf ruhiger Kennenlernbasis, hatte der kleine Racker alles soweit erfasst, dass man das Training ausweiten und intensivieren konnte. Ein erfolgreiches Parken vor der Bäckerei hatten wir bereits hinter uns. Zu der Zeit steckte er noch in den Anfängen. Sitz und Bleib in einem kurzen Zeitfenster, so lange wie es dauert, wenn man zwei Brötchen erwirbt. Dabei war der Hund die ganze Zeit in Sicht und er konnte hören, wie ich meine Bestellung machte und das ganze Smalltalk-Blabla dazu.

Nächste Stufe….Panorama-Zeitfenster (mal gucken, wie lange er stabil ist) und ohne Blabla der Chefin im Hintergrund. Das erste, was er nach seinem Gusto änderte, war die Position. Warum sitzen, wenn ich liegen kann.

Nun kann man sagen, die Order war Sitz, also verdammte Axt bleib sitzen.

Kann man sagen, muss man aber nicht. Wenn es länger dauert, hat man es als Zweibeiner auch gerne bequemer. Und es spielt in diesem Fall keine Rolle, wie sich Schnuffi drapiert. Der Hauptwunsch meinerseits ist das Bleib. Das Sitz fungiert als Einleitung.

Nun noch einen geeigneten Ort gesucht und los geht es. Wieder Fußgängerzone, denn in gewohnte Gefilden fluppte es bereits. Anfangs erfolgt die Kontrolle noch über eine Stoppuhr. Später hätte auch eine Sonnenuhr getan, denn Monsieur legte sich bei längerer Wartezeit ab und ging energiesparend ins stand by. Am liebsten zart sonnig, mit einer leichten Brise… so musste ich den Augenstern zum Auflösen des Bleib auch mal wecken.

Fußgängerzone, Bank, SB-Bereich mit großer Fensterfront. So ganz ohne Blick aufs Geschehen wollte ich ihn in der Anfangsphase auch nicht lassen.

Schnuffi geparkt und rein ins Gebäude, Paddy guckte mir erst noch hinterher. Dann war ich nicht mehr zu erkennen und er vermeintlich auf sich gestellt. Die Order der ollen Regierung kullerte durch seine Rübe.

Minute zwei. Eine Frau mit gnombestücktem Buggy nährt sich an. Eher unfreiwillig, doch der kleine Terrorist hatte lautstark die Navigation übernommen und wollte den Hund durch seine klebrigen Finger wullacken.

Mein Herz schlug ein wenig schneller, denn genau solche Situation sind der Grund für Training.

Man muss immer mit der Idiotie der anderen rechnen und sich darauf vorbereiten.

Muttern laberte sich einen Brei aus „so ein feiner Hund, nein der wird nicht gestreichelt, ich fahre ja schon näher hin, der mag bestimmt keine Kekse, nein keinen Keks für den Hund, ja für Dich habe ich noch einen, nein, nicht für den Hund“ zusammen. Der Mini-Mensch stellte auf Durchzug und guckte eher wie: quatsch nich- FAHR!

Paddy war das Debakel nicht entgangen, hob den Kopf und guckte interessiert und auch ein wenig kritisch.

Das Mutterschiff blieb mit dem Kindertransporter neben meinem Hund stehen. Selber hatte ich das Gefühl auf einem Katapult zu sitzen. Den Ernstfall kann man nunmal am besten durch einen Ernstfall testen. Paddy machte einen stabilen Eindruck, so blieb ich weiter investigativ tätig.

Eine kleine, klebrige, vollgesüllerte Hand (was für die meisten Vierbeiner schon einladend genug ist) bewegte sich keksbestückt auf Hundi zu.

Die Hand kommt näher und näher und näher. Paddy´s Schädel weicht zurück, zurück, zurück. Die Mutter pennt, pennt, pennt.

Das frustrierte Blag brüllt und schaukelt Richtung Hund, damit der Wagen mitrutscht. Paddy ging aus der Ablage ins Sitz. Die minderjährige Sirene brüllte meinem Untertan die Ohren vom Kopp. Paddy blieb sitzen und wich den auf ihn geworfenen Keksbröckchen aus.

Tja, ich kann es nicht anders sagen, da kriegt man schon einen Riss ins Hemd, wenn einem die stolz geschwellte Brust die Atmung stoppt.

Bevor ich so ein geiles Ergebnis nur durch unnötige Wartezeit ruinieren würde, bin ich raus.

Der gnädige Herr Vierbeiner sah mich dankbar an, weil er wusste, daß ich nun übernehmen würde und er sich nicht länger mit dem Keksfeuerwerk auseinander setzen muss.

Ich hob die am Boden liegende Leine auf, beendete das Bleib und wies die Mutter darauf hin, daß ihr Welpe gerade den Hund wie eine Weihnachtsgans stopfen wollte.

„Was fällt Ihnen ein! Dann nehmen sie gefälligst den dreckigen Köter da weg, bevor er sich an meinem Kind vergreift! Das ist gefährlich, was Sie da machen. Wie verantwortungslos, den Hund anzubinden und sich dann zu verpissen!“

„Erstens, der Hund war nicht angebunden. Zweitens, sie sind mit ihrem Buggy zum Hund gefahren, weil Sie das Kind offenbar durch Rumbrüllen super steuern kann. Drittens, wenn ich dem Hund sage, er soll da bleiben, macht er das. Wenn sie dem Schreihals sagen, der Hund wird nicht gefüttert…das Ergebnis konnte man ja sehen.“

Paddy guckte entspannt, denn die Chefin regelt das.

Auf die ist Verlass.

Wenn ein Hund lernt, dass der Halter zuverlässig ist und die Führungsposition souverän inne hält, dann werden auch schwierige Situationen besser gemeistert. Paddy hätte sich den Keks schnappen können. Aufstehen und weggehen können. Knurren, um zu zeigen, daß ihm das zuviel wird, wenn das Buggy-Duo weiter seine Individualdistanz unterschreitet.

Stattdessen hat er abgespeichert: Sie hat gesagt, ich soll hier bleiben. Wenn es eng wird, ist sie immer da. Sie passt auf und beschützt mich.

Ich muss nicht alles toll finden, was ich machen soll, aber unterm Strich wird es sich für mich immer lohnen.


Und nun noch an die lieben Eltern, Eltern in spe, Omas und Opas, Tanten und Onkel und was sonst noch so mit Kidds unterwegs ist:

Egal ob mit oder ohne Halter, an einem Hund wird nicht einfach rumgefummelt. Ein Hund wird nicht einfach mit irgendwas, was sich das Kind gerade reinschraubt gefüttert, wie die Ziegen im Streichelzoo.

Guckt auf Eurer Kinder, so wie die Halter auf den Hund gucken müssen. Kinder haben keinen Freifahrtschein bei Hunden.

Der hundlose Endverbraucher kann nicht immer einschätzen, wie es dem Tier geht, ob der Hund vielleicht krank ist oder Schmerzen hat und deswegen anders reagiert, als Lassie in der Glotze.

Wenn Euer Kind einen Hund streicheln möchte, fragt den Halter, ob das möglich ist. Bevor der Wonneproppen ellbogentief im Hund versinkt.

Und, wenn kein Halter in der Nähe ist, dann lasst einfach die Finger davon. Bändigt den Steuerzahler der Zukunft. Das sollte drin sein. Und das Argument, mein Kind schreit so, wenn es seinen Willen nicht kriegt, zählt nicht. Es schreit noch mehr, wenn Hand oder der Arm ab sind. Bei Schädelfrakturen, sowas ist bei kleinen Köpfen und großen Hunden durchaus im Bereich des Möglichen, schreit man allerdings nicht mehr so viel. Ohren geschützt, Kind kaputt.

Ein Hund verdient den gleichen respektvollen Umgang, den man für sich ganz selbstverständlich erwartet.

Respekt ist nicht anstrengend.

Respekt ist eine Einstellung.

Silvia Dober


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