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  • Silvia Dober

Meine Güte, so schwer isses doch nicht!

Aktualisiert: 11. Dez 2019

... sagt der, der es kann. Der es nicht kann schwitzt Blut und Wasser.

Warum macht der Hund kein SITZ, obwohl es Zuhause fluppt? Das macht der doch nur, um mich zu ärgern! Sowohl ein egonzentrischer, als auch ein monoperspektivischer Ansatz. Anstatt sich über ein nicht ausgeführtes Kommando stumpf zu ärgern, den Hund dafür am Ende sogar noch anzumotzen, sollte man als Halter lieber darüber sinnieren, warum es nicht funktioniert hat.

Konstruktive Kritik am eigenen Handeln soll ja Fortschritte bringen.


Was ist anders als sonst, wenn er Sitz machen soll? Hab ich das Puschelchen in einer Lache abgesetzt? Ist die Straße zu laut? Ist der Boden eben/anders oder nicht (Baumstämme etc.)? Tut ihm etwas weh? Läuft in der Peripherie Ablenkung rum? Kommt da jemand, von dem er sonst Lerckerli kassiert? War mein Handzeichen richtig/ sauber gegeben? War die Stimme eher Kasernenhof bei schlechtem Wetter? War ich aufmerksam genug? War ich unverhältnismäßig laut/drohend? Friert ihm der Sack an der Eispfütze fest? Ist das Leckerli schon in der anderen Hand und somit interessanter als ich (dann ist definitiv noch eine Menge Arbeit zu leisten, wenn man gegen einen unbelebten Gegenstand verliert)?

So kann es munter weitergehen...


Der Hund an sich lernt am zuverlässigsten über Nachahmung. Andere Methoden funktionieren ebenfalls, sind jedoch nicht so organisch. Vor 14.000 Jahren, als Mensch und Hund ihre erfolgreiche Liaison eingingen, ist auch niemand mit einem glühenden Clicker durch die Wälder gerannt um via Morse den Kulturfolger zu steuern.

Lernen durch Nachahmung ist den meisten schon in die Wurfkuhle gelegt (Ausnahmen gibt es immer: Deprivationssyndrom zum Beispiel). Nachahmung findet in sozialen Beziehungen statt, ebenso bei sozialer Anregung. Als Rudeltiere orientieren sich Hunde gerne an Artgenossen. Die sind da und leben, also haben sie mit ihrer Strategie Erfolg gehabt ... ergo macht es Sinn davon etwas in das eigene Verhalten aufzunehmen.


Soziales Lernen findet meist im Bezug auf Nahrungsquellen statt. Auch so ein Ding von früher. Alles, was mir den Bauch nicht füllt, verschwendet nur Kalorien bei dessen Aquise. Alles, wovon ich keinen Profit habe, lohnt sich nicht. Ich kenne wenige, eher keine Menschen, die zur Arbeit gehen, weil sie ihren Chef so toll finden. Die meisten gehen da hin, weil es am Ende Kohle gibt = Belohnung.


Zwischen der 4.-16. Woche, in der sensiblen Phase, ist die Keimzelle der Sozialisierung.

Erfahrungen haben besonders dann einen immensen Einfluss auf die Entwicklung des Hundes. Mehr, als irgendwann anders in seinem Leben. Da lohnt es sich, die Grundstücksgrenze täglich abzulaufen, damit der Kleine lernt, wo auch ohne Zaun fintio ist. Das ist keine Arbeit, das ist artübergreifende Nachahmung. Allerdings auch keine Garantie, daß er nie ausbüchst. Aber die Wahrscheinlichkeit tendiert gegen null und so kann man einen Trainingserfolg haben, ohne, daß es wie Training wirkt.

Nach 16 Wochen Hundeleben sind jedoch nur die Werkseinstellungen optimiert. Dranbleiben ist die Devise. Was man lernt, kann man schließlich wieder verlernen. Wer spricht noch so gut Englisch, wie damals in der 10. Klasse, wenn er seit dem keine englisch geführte Unterhaltung hatte?


Die Sozialisierungsphase beinhaltet nicht nur Hund mit Hunden, sondern auch Hund mit anderen Tieren/Menschen zu konfrontieren. Man lernt voneinander. Wenn der Hund fiept, muss er wahrscheinlich raus. Hat er letztes Mal auch gemacht, bevor er mir die Bude vollgestrullt hat. So steht der Mensch auf und lässt Hundi kurz in den Garten. Hundi lernt jedoch, wenn ich fiepe, macht mir mein Mensch die Tür auf und ich kann in den Garten (der Garten ist dann die Belohnung für das Fiepen). Das Wetter ist mistig, also bleibt der Zweibeiner drin. So kann man schon einige Zeit an der Tür verbingen, ohne außer Lüften viel zu erreichen.

Wenn man nun nicht zum Pagen des eigenen Untertans werden möchte, nimmt man sich beim nächsten Fiepen eine Leine (2m reichen völlig) und stellt sich mit Hundi an die Rasenkante. Bis es er sichtlich doof findet. Dann wartet man noch ein bisserl und macht dann freundlich wieder den Weg ins Haus. Zeit für die Notdurft gab es. Durch die Pampa nach eigenem Gusto strawanzen... wenn Menschi das will gerne, wenn Hundi das will... da wären wir wieder beim Lüftungsmanagement.

Eine umfangreiche Sozialisierung beinhaltet immer ein umfassendes Kennenlernen einer möglichst vielfältigen und angenehmen Umwelt.

Nach zigfacher Wiederholung, bei Kommandos schimpft sich das Generalisierung, ist der Vorgang an sich abgespeichert und zuverlässig einzufordern. Nach ebenso häufigen Wiederholung mit der unbelebten Umwelt, da heißt es dann Habituation, hat der Eleve gelernt, eine bestimmte oder auch keine Verhaltensreaktion zu zeigen.


Oh nein, er hat es verlernt! Dabei soll er doch etwas lernen.

Auch verlernen ist lernen.


Der Klassiker, es klingelt und hinter der Haustür geht der Punk ab. Und durch den Briefschlitz gesteckte Post... wer weiss, was da noch kommt? Also töte ich die Post und alle Nachkommenden sehen, daß hier nix zu machen ist. Vielleicht hilfreich, wenn man eine Rechnung nicht bezahlen will, aber auf Dauer ein echtes Problem. Ein Problem, was über Bindung, Training und Nachhaltigkeit aus der Welt geschafft werden kann. Dann klingelt es, man hört nichts und wenn der Besuch reinkommt, steht da entspannt der beste Wachdienst den es gibt.

Je stärker der Reiz auftritt, desto mühsamer ist es und desto länger braucht es, die Reaktion auf diesen zu verlernen.

Lernen ist ein Prozess und sollte das ganze Leben stattfinden. Durch gemeinsames Lernen festigt man nicht nur die Bindung und verbringt Zeit zusammen. Man bekommt eine reflektierte Sicht auf das Geschehen, wird ruhig und muss sich vor Unbekanntem weniger fürchten, denn das Unbekannte wird immer weniger. Mit der Zeit entsteht ein entspanntes Team aus Mensch und Hund, daß sich aufeinander verlassen kann und weiß, wie der andere tickt.

Dann ist es einfach schön.



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