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  • Silvia Dober

Manches kann man nicht erklären

Innerhalb eines knappen halben Jahres sind drei Mitglieder meines Rudels verstorben. Die Mädels mit einem Abstand von nur 12 Tagen, Paddy fünf Monate später. Zuerst ging mein Belgier Lara, nach elfmonatigem Hospiz, in meinen Armen im Kreis ihrer Familie. Gin hatte im Mai einen Mastzellentumor entwickelt. Trotz intensiver Pflege und diversen Operationen war der Krebs nicht aufzuhalten. An einem Dienstag wurde die Fäden der letzten OP gezogen. Am Mittwoch war alles bestens, samt großer Runde, spielen und abendlichem Knuddeln. Am Donnerstag kam unser, beinahe 13jähriges, Mädel abends zu uns und sagte, daß es Zeit zu gehen ist. Wer das bei seinem Hund erlebt hat, weiß, was ich meine. Wer es noch nicht erlebt hat. Ich weiß nicht, ob man das jemandem wünschen soll. In dem Moment, wo beide Hündinnen in den Garten unter die Marone gezogen waren, das war Mitte Oktober, ging es mit Paddy zusehends abwärts. Er trauerte, genauso wie wir, um sein Rudel. Gin war 12 Jahre bei uns Lara hatte 8 ihrer 9 Jahre bei uns verbracht. Im Dezember verlor er an Gewicht. Blutuntersuchung und Sonographie waren unauffällig. Er wirkte insgesamt reduziert, kam dennoch gern und freiwillig mit zum Training. Nahm seine Rolle als Chef von Ellie und Theo weiterhin ernst und wahr. Im Januar nochmal zum Doc, weil ich ein echt ungutes Gefühl hatte. Nichts. Zwei Wochen später fraß er nicht mehr die gleichen Mengen und stand neben sich. Wieder zum Arzt und da war es. Leberkrebs. Ein inoperabler Tumor bei einem Hund, der im nächsten Monat 13 werden sollte. Von Diagnose bis zu seinem Ableben vergingen noch drei Wochen. Wieder ein Ausnahmezustand für alle. Wir wussten, was kommt. Lara und Gin waren noch mehr als präsent. Paddy lag ebenfalls in meinen Armen, wie es auch die Mädels taten, als er seinen Körper verließ. Nun ist das Rudel wieder vereint, unter der Marone. Dort, wo wir im Sommer auf einer Decke zusammen abasselten. Der Wind strich durch unser aller Fell, als Mensch ist man ja eher der Pelzlooser. Das Gefühl, wenn einem die Sommerbrise durch die Haare streicht und man zufrieden seufzt, die Vögel beim Zwitschern belauscht und den Duft der Wäsche auf der Leine riecht. Das ist für alle gleich. Mit zwei Hunden fühlte ich mich nicht nur zahlenmäßig nackig. Es ist so viel mehr, was man mit dem Tod eines Hundes verliert. Aber, wie es so trivial heisst, das Leben geht weiter. Mehr ist es aber am Anfang auch nicht. Man hört sie nachts schnarchen, auch wenn sie nicht mehr da sind. Ein Schnaufer hinterm Sofa. Das laute Träumen. Man sieht sie im Rückspiegel im Auto sitzen, so wie sonst. Die Halsbänder sind noch an der Hundegarderobe. Aber, das Hirn ist ein Arsch, daß einem gern etwas vorgaukelt, wenn das Herz schreit. Da mache ich gerne, was ich am besten kann. Das ist übrigens nicht automatisch das beste für mich. Arbeiten. So klingelte bei mir das Telefon. Mein neuer Kunde war ein junger Mann mit einer überaus quirligen Schäferhündin. „Ja, gucke ich mir an.“ sagte ich und wir verabredeten uns zur Anamnese. Was er nicht gesagt hatte, es war kein klassischer Schäferhund. Es war ein Hollandse Herder. Quasi die unifarbene Kopie des Malinois, nicht identisch, aber das Rasseprofil wirkt wie vom Belgier abgeschrieben. Wir kamen ins Gespräch und ich erzählte ihm von Lara, wie sie so drauf war und was ihn mit seinem Stoppelhopser erwarten würde. Was der Hund braucht, anders braucht, als andere Hunde. Das Training lief und wie das so ist, kamen weitere Hunde im Laufe der Zeit dazu. Ein paar Wochen später hatte ich eine Frau am Telefon, die eine angsterfüllte Schäferhündin hatte. Wir sprachen eine Weile und sie erzählte von ihrer Gin. Gin? Ja, Gin. Meine Gin war ein Schäferhund-Pointer-Mix und ich bekam langsam das Kribbeln. Das Training begann. Ich nahm Gin wieder die Angst. Den Vogel schoss am Ende eine Familie ab. Sie hatten sich einen großen Wunsch erfüllt. Der erste eigene Hund. Sie riefen mich wegen der anstehenden Früherziehung an. Der Rüde kam aus dem Tierschutz und sie wollten nun, nach einer unrunden Welpenphase, die Weichen für eine glückliche Zukunft stellen. Ich sagte zu und wir machten einen Termin bei den Haltern vor Ort. Als ich bei den Gastgebern die Treppe zur Wohnung emporstieg, blieb mir die Luft weg. Nicht wegen meines desaströsen BMI, sondern, weil Paddy als Welpe vor mir stand. Mir kamen gleich die Tränen, die ich krampfhaft runterwürgte. Was ist das denn bitte für ein unprofessioneller Auftritt! Ich entschuldigte mich bei der Familie und erklärte, daß mein Rüde vor acht Wochen gestorben ist und ihr Hund auf den ersten Blick ihm sehr ähnlich sieht. Das wurde auch nicht weniger, als ich mit dem kleinen Fellbündel auf dem Boden saß. Die Decke des Kundenhundes war großflächig Schwarz, bei Paddy war das Schwarz weiter hinten. Die Ohren wippten identisch beim Laufen, der Kopf war ebenso schwarz mit weißer Blesse am Fang. Auf den weißen Läufen waren die gleichen kleinen schwarzen Sprenkel. So hatte ich nun die Möglichkeit, obwohl es nicht meine 3 waren, dennoch irgendwie mit ihnen verbunden zu sein. Über die Wochen des Trainigs war die Trauerphase eher wie ein schrittweises Ausschleichen, weniger Cold Turkey. Tja, was will ich nun damit sagen. Kein Hund ist wie der andere. Und egal, wie sehr man sie sich zurück wünscht, sie kommen nicht wieder. Doch für mich fühlte es sich auch ein wenig so an, als ob mich mein Rudel nicht so stante pede verlassen wollte. Was wissenschaftlich gesehen Quatsch mit Soße ist. Ein Gruß von Lara durch den Hollandse Herder. Ein Winken von meiner (ehemals unsicheren) Schäferhund-Mix Gin durch die ängstliche Schäferhündin Gin meiner Kundin. Und am Ende die Raubkopie von Paddy. Ihr kennt es sicherlich, wenn man einem geliebten Menschen nachtrauert. Man sieht jemanden auf einer Parkbank sitzen, im Vorbeifahren aus dem Auto zum Beispiel, und denkt es sei die bestimmte Person, die man kürzlich verloren hat. Die kann es aber nicht sein. Man hat sich verabschiedet. War auf der Beerdigung. Dennoch, ist da dieses Gefühl. Es kann nicht sein, aber es fühlt sich so an. Man erlebt Dinge im Alltag, und sind sie noch so profan, und die Erinnerung wird so real, daß man denkt, gleich kommen die Männer mit der weissen Weste, die man hinten zu macht. Aber warum soll man diese Fehlinformation des Gehirns nicht dafür nutzen dankbar zu sein? Dankbar diesen Menschen gekannt zu haben. Dankbar, daß er noch so im eigenen Bewusstsein verankert ist. Dankbar für die Zeit, die einem zusammen geschenkt worden ist. Warum sollte es einem mit einem Hund anders gehen? Meine Kleinen waren 9, 12 und knapp 13 Jahre ein gravierender Teil in meinem Leben. Wir haben viel zusammen erlebt, gelacht und geweint. Wenn es mir nicht gut ging, haben sie sich stumm an meine Seite gelegt und mir dennoch alles gesagt, was ich in diesem Moment hören musste. Fühlen musste. Ich habe sie gefüttert, gepflegt, gehalten und geliebt. Vielleicht waren diese Empfindungen und die Interpretation meiner Kundenhunde nur der krampfhafte Versuch noch ein wenig daran festzuhalten, was ich durch den Lauf der Natur so schmerzlich einbüßen musste. Vielleicht taten sich meine Mäuse genauso schwer, sich von mir zu lösen, wie ich mich von ihnen.


Paddy
























Hund des Kunden



So nahm ich es als ein letztes Zurückwinken. Ein Leb wohl der anderen Art.

Manches kann man nicht erklären, manches fühlt man einfach.

…wir sehen uns wieder.

Silvia Dober


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