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  • Silvia Dober

Laufender Beistand


Es kann so schön sein…mir fehlt was zu Hause. Ich will los, um etwas gegen das Licht in meinem Kühlschrank zu unternehmen. Setzt voraus, man ist liquide, halbwegs motiviert und wach. Angezogen ist auch nicht schlecht und sollte in der Gleichung nicht vernachlässigt werden.

Ich habe alles, mach mich auf die Socken, die eine Hand auf die Türklinke, in der anderen ist der Schlüssel. Und irgendwie…ist schon wieder Weihnachten. Zartes Geläut schalmeit an mein Ohr (der Schlüssel sendet durch das Zittern Morsesignale in der geballten Faust). Durch einen Vorhang aus Bauschaum. Irgendwie wird auch das Zimmer kleiner und… offensichtlich bin ich ins Penthouse gerannt (Feedback meiner fleischlichen Hülle), ohne es mitgekriegt oder physisch getan zu haben. Dennoch schiebt mir der Blutdruck gleich die Zähne aus der Schnute und ich fühle meinen Puls in den Haarspitzen wie Speed Metal. Welcher Hirni hat mir die Schrankwand auf den Brustkorb gestellt… ich kriege keine Luft, aber dafür sind die Sterne sooo funkelig. Ich gucke mir ein wenig die Glitzerkulisse an, denn sie dreht sich jetzt zum immer drohender werdenden Flüstern. Meine Beine bewegen sich, also muss ich wohl laufen. Kommt das Zimmer mit? Ich war noch nie mit meinem Zimmer einkaufen, was wohl seine Lieblingsschokolade ist? Mir ist kalt, mir ist heiß, mir ist… meine Aorta tanzt Lambada wegen des ganzen Adrenalins und ein kreischendes Piepen sabotiert meinen krampfhaften Versuch regelmäßiger zu atmen.

Was´n das? Das fühlt sich nicht so an, wie der Rest meines aktuellen Zustands an. So kalt. Irgendwie glitschig. Jetzt wird es stoppelig und kitzelt mich… und ganz weich. Das ist definitiv besser als der rotierende Funkenflug auf dem Flurfunk. Mir ist schwindelig. Ich greife nach unten, da steht eine Bank. Puh, nicht nur praktisch, sondern jetzt wird es besser. Die Bank leckt mich ab! Hä? Mein Gehirn kommt wieder aus dem stand-by zurück und ich gucke was meinen Fall gebremst hat. Da ist mein Sonnenschein, mein Assistenzhund.

Der Hund bemerkt die Veränderung meines Bewusstseins über sich verändernde Bewegungs- und Sprachmuster, abnorme Sauerstoffsättigung in der Atemluft und ein sich minimalst verändernden Körpergeruch (Transpiration durch Adrenalinausschüttung).

Und ist zur Stelle. Zum einen durch intuitives Handeln, den 3% der Assistenzhunde erkennen Flashbacks, Dissoziationen und Alpträume. Zum anderen wegen der Dinge, die er in der Ausbildung gelernt hat. Es ist zum Beispiel möglich, wenn der Halter einen Albtraum hat, daß der Hund diesen erkennt, ihn fürsorglich weckt (schlabbaaa und stupsiwupsi), dann Licht anmacht und einen Schluck Wasser bringt. Während ich versuche wieder ich zu werden. Oder eine Bewusstseinsveränderung kündigt sich an und der Vierbeiner bringt den Mensch im Vorfeld dazu sich hinzulegen, um so Unfälle zu verringern.

Nicht nur dafür braucht man einen Assistenzhund. Aber dafür braucht man auch einen Assistenzhund.

Immer an meiner Seite gibt er mir den Rückhalt und die Hilfe, die den Alltag für mich zum Alltag werden lässt und nicht zu einer permanenten Ausnahmesituation am Anschlag meiner Existenz. Deswegen ist es wichtig, daß er mich überall hin mit begleiten darf.

Weil ich ihn zum Leben brauche.

Solange man nicht mit einer deutlichen Sehbehinderung lebt, hat das Umfeld oft Schwierigkeiten, den Hund als Hilfsmittel anzuerkennen. Ich kann nich guggn, asso brauch ich einnnn, der füa mich guggt. Klingt logisch. Rafft nahezu jeder, weswegen es da meist weniger Diskussionen mit Erkenntnisagnostikern gibt.

Bei Beeinträchtigungen weniger offensichtlicher Natur (Epilepsie, Diabetes, PTBS et altera) wird das oft ein Spießrutenlauf. Die Chance in unseren Breitengraden trotz allem der Tür verwiesen zu werden, liegt 50/50.

Heute stelle ich mal die „guten 50%“ in zufälliger Abfolge vor: Kaufland (Klingenberg, Detmold) Magowski (Lagesche Str., Lemgo) Edeka (am Kreishaus, Detmold) Marktkauf (Lage) Aldi (Arminstr., Detmold + Steinweg, Lemgo) Thomas Philipps (Lagesche Str., Lemgo) TK Maxx (Lange Str., Detmold) Rewe (Hasselter Platz, Detmold) Penny (Bielefelderstr., Detmold) Futterhaus (Steinweg, Lemgo)

Was hebt nun diese Geschäfte von den Negativbeispielen ab? Eine freundliche Begrüßung, Ansprache am Gespann in Zimmerlautstärke. Es wird gefragt, ob man eine Berechtigung hat, den Hund bei sich zu führen. Man meldet sich an (in der Anfangsphase, in der sich das Gespann noch nicht gegen Anfeindungen wehren konnte) und die Anmeldung funktioniert im Verlauf des Einkaufs. Ein Markt bot sogar an für uns einen Gang eine Zeit abzusperren, damit wir dort einen Übungsbereich ohne Kundenfluktuation hätten, wenn wir möchten! Wir waren von soviel Entgegenkommen platt vor Freude, so kann es auch gehen! Oft waren Mitarbeiter in diesen Geschäften aufrichtig interessiert und überaus hilfsbereit. So darf ein Assistenzhund nicht auf Fütterungsversuche anderer anspringen. Muss aushalten gestreichelt zu werden, ohne darauf zu reagieren. Das Widerstehen kann man nur mit Versuchung üben. Auch da waren in genannten Lokalitäten die Mitarbeiter, von verständig bis total begeistert, mit im Boot. In einem Markt ging die Durchsage über das Firmen-Walky-Talky: Achtung an alle, hier ist ein Hund im Laden und das ist richtig so. Hätte ich es nicht gehört…der Wahnsinn. Guter Wahnsinn.

Mit Verständnis an der Kasse, wenn wir etwas länger benötigen, weil der Hund durch Wiederholung erst lernt, wo er sich beim Kassieren zu positionieren hat. Wie es ist, in den zum Teil etwas schmaleren Gassen dennoch in der Nähe zu bleiben, oder sich nicht von hinten anpirschenden Miteinkäufern irritieren zu lassen.

Man muss auch bedenken, wir turnen nicht mit dem kleinen Strubbelwuff durch die Gänge, absolvieren Teile des Ausbildungsplans und verpieseln uns dann wieder. Meine Kundin kauft Dinge, die sie benötigt. Mittlerweile hat sie sogar die Stärke Impulskäufe zu tätigen und Preise zu vergleichen. Daran war am Anfang nicht zu denken, da war Durchkommen die Devise.

Wo man super Hundebegegnungen und Ablenkung, quasi „auf Bestellung“ hat, ist in Tierfachmärkten. Natürlich dürfen dort Hunde rein, allerdings ist es für Wauzis oft aufregend, die Gerüche, die Düfte (an der Snackbar), die anderen Hunde, einer testet Quietsch-Spielzeug, Mitarbeiter sprechen einen an, ob sie behilflich sein können. Dazu die nasale Verführung, wenn man im Gang vor Pansen & Co. abgelegt wird und die Contenance einarmige Liegestütze kloppt. Man übt Gesprächsitationen, die den Halter ein wenig ablenken und neben dem Assi-nator bleibt jemand verführerisch mit einem Hühnerfuß stehen. Und dem Hund muss das einerlei sein, denn er ist in Arbeit.

An dieser Stelle mein Dank an all die Gewerbetreibenden, egal in welcher Stadt, egal aus welcher Branche, egal in welcher Größe.

Die wahre Größe zeigen Sie, indem Sie uns auf Augenhöhe begrüßen. Sie geben uns das, was ein Kunde verdient.

Zuvorkommende Aufmerksamkeit, Interesse an einem stimmigen Einkaufserlebnis und ein Lächeln im Gesicht.

Silvia Dober



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