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  • AutorenbildSilvia Dober

Karnickel, Karnackel… Karbumm



Wir wohnen angrenzend zu einem Waldgebiet. Am Rand einer kleinen Siedlung im Süden der Stadt, sind es nur ein paar hundert Meter, bis man die Stadtgrenze überschreitet. Bis zum nächsten Dorf sind es einige Kilometer und nur ab und an sind einzelne Häuser an der Straße.

Nicht nur für uns Zweibeiner eine super Möglichkeit im Grünen ein wenig das Cortisol runterzufahren.

Morgens zwitschern die Vögel und am Abend sagen sich Hase und Igel gute Nacht.


Wenn man mit den Hunden das eigene Territorium verläßt, hat man quasi alle Optionen. Durch die Siedlung, in Richtung Felder um die hiesige Interpretation von Steppe zu bewandern. Oder man biegt einfach links in den Schön-Wood-Forrest ab.

Letzteres wird von uns bevorzugt, Natur pur gewinnt gegenüber teilasphaltierten Strecken.


Die Chefin beschließt einen Zug durch die Gemeinde zu machen.

Ich sage TREPPE und das Fußvolk tapert enthusiastisch auf selbige …aus mehreren Gründen.

Kein chaotisches Gewusel, bis alle Hunde angezogen sind, Leinen geholt, die Regierung sich bekleidet hat, der Schlüssel vom Brett kommt.

Und bücken muss ich mich auch nicht.


Der zweite Punkt, Aktionen des Alltags kann man subversiv in Training verpacken, ohne, daß es wie Liegestütze rüberkommt.

Die pepelzten Hundebäckchen pflanzen sich auf die Treppe und harren der Dinge die da kommen. Je mehr Theater sie machen, desto länger dauert es, bis die Haustür aufgeht.

Durch TREPPE mache ich einen Handlungsvorschlag, den sie annehmen können, oder eben nicht. Wer keinen Bock hat, bleibt zuhause.

Die Belohnung ist Wald, Wildspuren, andere Hunde, diverse Sozialkontakte, ein Spiel an umgestürzten Bäumen et cetera… nur wer wirklich nicht kann, bleibt bei der Perspektive freiwillig zurück.

Köter alle angezogen, Chefin dito.



Das liest sich nun wie Schikane. Subjektiv kommt es den Sitzenden auch so vor.

Doch, wie sollte es sonst sein, ich sehe das anders.

Das Wort TREPPE initiiert eine antrainierte Handlungskette. Am Anfang gab es kleinschnittig den Aufbau, bis am Ende alles so reibungslos funktioniert, dauert es. Doch ist es keine fehlinvestierte Zeit. Man hat ein Ziel vor Augen, den gesitteten Abmarsch. Der Weg des Trainings und die Verknüpfung der einzelnen Schritte ist manchmal nervig. Bei vielen kleinen Schritten gibt es jedoch viele kleine Erfolge.

Nicht einen krampfhaften Versuch, der mit einem Griff ins Klo endet.

Die Hunde wissen, was kommt, und was sie tun können, um es zu beschleunigen, denn meine angebotene Belohnung ist etwas, was sie wirklich haben/machen wollen.

Der gleiche Versuchsaufbau und die Belohnung wäre Broccoli…die Halsbänder hingen immer noch an der Hundegarderobe.

Wenn ein Hund versteht, worum es geht, dann macht er mit. Man muss ihm lediglich deutlich machen, was er davon hat. Und das am Ende auch gut verkaufen können.


Ich gehe in den kleinen Vorflug und lade die Mäuse ein. Sie setzen sich in ihren jeweiligen Bereich.

Das funktioniert alles ohne Blabla, Körpersprache ist die Devise.


Die Haustür geht auf, die glänzenden Lakritze-Näschen flattern simultan in der einströmenden Brise.

Köterpöter weiter im Touch Down.


Ich gehe einen Schritt aus der Tür und checke. Was, weiß ich nicht, die Kurzen aber auch nicht. Die sehen nur, ich übernehme Verantwortung, entscheide, wann es für das Rudel sicher ist, treffe den Moment der Freigabe.

Das liest sich ein bisschen pingelig, aber so isses. Auch unterwegs treffe ich Entscheidungen. Ist Freilauf angesagt, dürfen sie toben, wie lange sitzt man an der Bürgersteigkante, Rückruf heisst Rückruf und nicht hinterherbrüllen bis die Mandeln fliegen.


Je mehr Entscheidungen ich dem Hund abnehme, desto weniger fühlt er sich in der Verantwortung. Wird nicht in eine Rolle gezwängt, die er vielleicht nicht haben möchte. Kann am Ende ein entspannter Hund sein. Entspannt und um seine Position im Verbund wissend.

Das erspart einem eine Menge Diskussionen.

Und Nerven.


Soweit so gut. Hunde einzeln mit Namen abgerufen und dann geht es die Einfahrt runter. An der Kante zur Straße ist wieder ein Boxenstopp. Wäre der nicht solide einstudiert, würden die kleinen wie die Berserker auf die Straße donnern. Sowas bringt dann immer wieder frisches Blut ins Rudel, aber auch jede Menge auf die Straße. Der Kantenstopp mit Freigabe durch meine Wenigkeit hat hier den Sicherheitsaspekt im Hintergrund. Die Hundis denken sich nur….wiie laaaaange noch…gugg schnellaaaa! Diese Ungeduld gegenüber Straßenverkehr ist vermutlich auch mit ein Grund, warum sie keinen Führerschein machen sollten.


Alles ist Safe, die Stoppelhopser bekommen die Freigabe und wir marschieren Richtung ungestümem Grün. Vor der Schranke (für Forstverkehr) liegt schon das erste interessante Ding. Etwas näher ran…kein Ding. Der Rest eines Puzzles.

Motiv: Hase in 3D.

Aus Hase… nicht Pappmaché.

Da hat sich das Warten doch schon gelohnt, denkt sich der handelsübliche Rudelteilnehmer. Sie dürfen gucken, schnuppern stupsen und dann is aber auch gut. Ich gehe weiter, leicht in Unverständnis folgend …die Schnuffis.

Spaziergang gemacht, viel erlebt und auf dem Rückweg wieder an Bugs Bunny´s zerlegtem Bruder vorbei.


Nachmittags war ich arbeiten, fahre abends bei uns in die Einfahrt und was sehe ich da…das Nagerviertel war umgezogen. Lag direkt bei uns vor der Garage.

Auf der einen Seite überrascht, auf der anderen Seite amüsiert. Wer das wohl war?

Ich ging ins Haus und ließ mir erstmal nichts anmerken. Nach einem Kurzinterview meines Mannes kam raus, dass Gin unbedingt in den Garten austreten wollte. Madame sagte zuverlässig Bescheid und als Vorbild in Anstand und Etikette, konnte man sie unbeaufsichtigt aus der Terrassentür lassen.


Sie ging dann normalerweise hinten in den Garten und erleichterte sich in der Nähe des Kompost (zweckgebunden und vortrefflich in der Wahl, dann kann man es gleich umladen). Diesmal jedoch nicht.


Die Terrassentür ging zu, sie taperte gen Kompost. Als sie vermutlich keinen in der Tür stehen sah, bog Ginnimaus Jones ab und schlich sich vom Gelände.

Annektierte die Reste von Meister Lampe und kam wieder zurück.

Als sie gerufen wurde, ließ sie die Beute fallen und trottete brav, wie ihr geheissen, ins Wohnzimmer.

Das Luder.


Das Goldstück.


Und so kann auch ein gut erzogener Hund trotz Regeln frei in der eigenen Entscheidung sein. Hund sein, trotz Auflagen.

Das Absitzen an der Grundstückskante, über Jahre (Generalisierung), sorgt für eine Hemmung, einfach drauflos zu rennen. Es schützt nicht vorm Ausführen, wie man sieht. Doch die Sekunde Zögern, weil es ja anders ist mit der Regierung im Hintergrund, kann die Zeit für den Fahrer geben, einmal auf die Bremse zu treten. Das reicht. Das muss nicht immer reichen, hat es aber diesmal. Und vielleicht kam auch gar kein Auto. Ich muss mich nicht über schlimme Dinge aufregen, die hätten passieren können. Wenn es danach geht, dann darf man das Bett nicht mehr verlassen. Und selbst da kann einen ein Schlaganfall niederstrecken.


Mein Resümee:

Wenn ich dabei bin, dann laufen meine Eleven nach Plan. Ich kann mich auf sie verlassen und sie sich auf mich. Sie müssen nicht mit allem einverstanden sein, was ich von ihnen will, solange klar ist, daß es zu ihrem Wohl geschieht.


Im Falle unserer Gin war es ein Meilenstein. Als sie zu uns kam, war sie nicht mehr als ein Häufchen Elend. Nach über eineinhalb Jahren war endlich ein Hund aus ihr geworden. Und nun war sie sogar wagemutig!

Die Hunde wissen, wo die Grundstücksgrenze ist. Wir hatten keinen Zaun. Wir brauchten keinen Zaun.

Gin hatte beim Spaziergang mittags etwas erspäht, was sie ein eher vernachlässigtes Possessivpronomen ausgraben ließ: MEINS.

Sie wusste, mit dem Vorstand und den anderen Hirnis im Schlepptau, konnte sie sich das Karnickel nicht unter die Läufe reißen. Neid der anderen und die Legislative…dat wird nischt.


Aber die Chefin fuhr nachmittags weg, wenn sie pullern muss darf sie unbeaufsichtigt raus (wegen guter Führung seit Einstand)…Gelegenheit macht Diebe und Karnickel, Karnackel …der Plan sollte funktionieren… Karbumm.

Ihr Fang, und gleichzeitig die Falle, schnappt zu: MEINS.


Veni, vidi, vici- YEAH!


Um den Aufstand zu proben muss ich mich sicher fühlen, muss wissen, wie weit ich reizen kann. Muss wissen, wenn ich zu weit gehe, ob meine Rübe noch auf dem Hals bleibt?


Ich habe mich bis ins Mark über ihre Mini-Revolte gefreut. Für mich ein Zeichen, daß ich mit dem Hund alles richtig gemacht habe. Daß es jetzt endlich ein Hund ist und keine ängstliche, kranke Maus mehr, die von drei Haltern vorher wieder einfach am Tierheim angebunden und wieder verlassen wurde.



Die Beute fand kommentarlos ihren Platz beim Recycling. Gin wurde mindestens genauso liebevoll durchgeschnuffelt wie die anderen. Beim nächsten Spaziergang lief sie von der Haustür gleich zur Garage.


Da lag nichts mehr. Auf ihrem bildschönen Gesicht konnte ich ein *verdammte Axt* ausmachen.

Mit den anderen ging ich zur Einfahrt vor.

Sie zog nen kleinen Flunsch und zockelte hinterher.

Feine Ginni-Maus… wenn Du nur wüsstest, wie sehr Du uns fehlst.




Silvia Dober



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