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  • Silvia Dober

Es ist mir ein Bedürfnis

Aktualisiert: 31. Mai

…wie Pflicht zum Privileg wird


Was´n? Und wieviel? Und wovon? Haben ist bekanntlich besser als Brauchen. Aber reichen 17 Spielzeuge, 5 Leinen, plus passender Halsung und Geschirr? Ist es das Bedürfnis des Hundes, oder eher meins? Brauche ich das, weil ich denke, daß das kleine Säugetier sonst nicht glücklich ist? Oder, weil er denkt, der Nachbarbello hat mehr Spielzeug als ich, also liebt ihn sein Halter in automatisch mehr?

Es mag den ein oder anderen vielleicht überraschen, aber dem Hund ist es wumpe. Völlig. Die Prioritäten sind anders verteilt. Der ein oder andere Besitz ist für einen Hund zwar wichtig, unterliegt aber keinen saisonalen Mode, Labeln oder Typberatungen.

Verrückterweise, sofern man sich der Muße hingibt, findet man über seinen Hund heraus, was selbiger an Bedürfnissen in petto hat. Wenn man…den Hund beobachtet. Und zwar nicht gleich mit einem Einkaufszettel, der Hals über Kopf gefüllt wird, damit der kleine Zeckenspender nicht unnötig in Askese darben muss.

Die indiskutablen Basics sind einfach. Gutes Futter in sättigenden Mengen. Wasser, immer. Nicht abends den Pott wegstellen, damit der Hund nicht nachts eventuell pullern muss nach dem Saufen. Der Gesetzgeber schreibt vor, daß ein Hund mindestens drei mal täglich für 20 Minuten raus und bewegt werden soll. Das ist das Minimum! Und bewegen heißt nicht, ich laufe bis zur nächsten Ecke, klatsche meinen Hintern auf ne Bank und tauche ab in Social Media, shoppe online oder ähnliches und in der Zeit langweilt sich Schnuffi die Wolfskrallen ab.

Was in weniger menschenfreundlichen Ländern eine Foltermethode ist, spielt auch für den Hund eine Rolle. Ausreichend Schlaf. Wenn man müde ist, muss man pennen. Und wenn man friedlich vor sich hinnickert, ist Ruhe im Puff. Schlaf ist nicht nur wichtig, um sich von der Arbeit zu erholen. Er ist zudem förderlich für das Immunsystem. Ebenso verarbeitet das Hirn die Erlebnisse des Tages. So ist träumen beim Vierbeiner nicht nur niedlich anzusehen, sondern auch für die Speicherkapazität der Festplatte unabdingbar. Körperlichen Bedürfnisse eben.

Nun wird es spirituell. Denn der Hund hat nicht nur ein Hirn als Schaltzentrale für physische Begebenheiten. Da schwirrt noch was rum. Die Psyche. Unsicht-, aber wahrnehmbar gehört sie zum Hund, wie der liebliche Geruch des nassen Schnuffis im Auto. So simple Dinge wie, keine Angst oder Schmerzen haben… eigentliche eine Selbstverständlichkeit, dennoch extra erwähnenswert in meinen Augen. Der Tag ist einfach besser, wenn man keine gewischt kriegt. Leider, wenn auch in kosmetischer Form, sind Hunde immer wieder solch negativen Emotionen ausgesetzt. Rappelflaschen, Wasserspritzer, in die Decke greifen bei nicht tadellos funktionierendem Sitz, ne fliegende Wurfkette …so werden Aversivreize zur Kommunikation mit dem Tier genutzt. Als ob man zu einem Schüler sagt: wenn du die Aufgabe nicht zufriedenstellend löst, gibt es ein paar an die Backen. Der Schüler gibt sich Mühe. Aus Angst vor der Watschen.

Ein oft unterschätzter Punkt im Sicherheitskonstrukt ist die zuverlässige und sichere Führung des Hundes durch seinen Zweibeiner. Wenn ich mich nicht auf meinen Menschen in vermeintlich schwierigen Situationen verlassen kann, dann wächst die Unsicherheit. Der Hund sieht sich mehr und mehr in der Verpflichtung die Rolle an der Spitze zu übernehmen. Das will nicht jeder, denn nicht jeder ist dafür geschaffen. So werden manche Quadropoden in diese Rolle gedrängt, obwohl ihr Charakter dafür nicht geschnitzt ist. Bekommt man eine Rolle zugewiesen, die einem nicht entspricht, fühlt man sich in ihr nicht wohl. Hat Stress, fühlt sich überfordert und macht basierend auf dieser Positionierung Fehler. Die postwendend vom unverständigen Zweibeiner sanktioniert werden. So hat der Hund einen Job, den er nicht haben wollte, den aber einer machen muss. Ist schlecht in dem Job und bekommt dafür die entsprechenden Minuslorbeeren. Und dann wäre da noch eine Kleinigkeit …der Präsentierteller. Hund ist ja immer irgendwie da. Zu meinem Vergnügen, Zeitvertreib, Ausgleich meiner emotionalen Schieflage, Kindersatz, Sozialpartner, Wärmflasche. Man kann so ein Vieh auch tatsächlich mal liegen lassen, ohne daran rumzufummeln. Es ist trubelig, Familienbesuch mit Kindern. Der Hund findet das vielleicht ganz nett, aber irgendwann reicht es ihm mit den kleinen Rackern. Er legt sich unter den Tisch und zieht sich ein wenig aus dem Geschehen. Praktisch für die Menschenwelpen und immer man druff. Wo er schon so praktisch auf dem Boden liegt. Hund sieht Kind kommen, geht weg. Legt sich in seinen Korb. Kind …damelt hinter Wauzi her. Umbetten bringt nichts, der Lütte lässt sich nicht abschütteln. Solche Momente können dazu führen, daß es eskaliert. Muss nicht sein, aber kann. Und dann hat immer der Hund schuld, denn der hat sich ja gemuckt. Nicht die Eltern des Kindes, die ihren Streuner Unbescholtene haben terrorisieren lassen. Viele Hund sind gern dabei, dennoch nicht zwangsläufig im Zentrum. Man kann, das klingt jetzt ein wenig verrückt, so einen Hund auch einfach liegen lassen, wenn er sich gemütlich in einer Ecke parkt. Wenn ich mich nie zurückziehen kann, kann ich nicht abschalten.

Nun gestaltet es sich so, daß alles halbwegs läuft. Man kommt gut durch den Alltag, ohne über größere Baustellen zu stolpern. Wenn es nur etwas gäbe, was die Interaktion etwas flüssiger gestaltet. Was man immer dabei hat, kein Geld kostet, die Taille nicht zylindrisch werden lässt…loben. Lob und die damit verbundene Anerkennung der eigenen Leistung macht zufrieden, sogar glücklich. Man fühlt sich verstanden und wahrgenommen. Die positive Verknüpfung einer erbrachten Leistung ist für jeden wichtig, der etwas zum Sozialgefüge beiträgt. Denn bei aufrichtiger Anerkennung meiner Leistung, zeige ich selbige gern nochmal. Wofür mache ich mir die Arbeit, wenn es eh Latte ist und nicht gewürdigt wird? Das beschränkt sich nicht nur auf das Lob (akustisch oder kalorisch), sondern auch die Erteilung von Privilegien. Wenn ich mich gut benehme, dann darf ich immer mit. Dabeisein ist alles.

Dabei sein gehört auch in den Bereich der Selbstverwirklichung. Wenn ich nicht das sein kann, was ich in meinem Inneren bin, bin ich langfristig weder glücklich, noch zufrieden. Ein Hund sollte Hund sein dürfen. Einen auf Erdfräse machen, planschen bis zur Unkenntlichkeit, Hackengas geben, toben, ein Bad in der Sonne…es sind oft die einfachen Dinge, die den eigenen Resetknopf drücken und mich wieder ganz machen.

Sind nun obige Dinge beim Halter präsent, stehen die Weichen für ein ausgeglichenes Leben schon mal nicht schlecht. Das ganze Konzept wird durch einen liebenden Platz im menschlichen Rudel konsolidiert.

Der Hund ist ein Familienmitglied. Kein Prestigeobjekt, kein Hobbygegenstand, kein nerviges Etwas in einem viel zu vollen Tag. Nach abwechslungsreichem Kontakt zu Artgenossen (sofern Bello keine Traumata erlitten hat und erstmal wieder aufgebaut werden muss), gibt es kaum etwas schöneres, als anzubucken. Entspannter Körperkontakt, einfach beisammen sein. Es muss nicht gleich in eine Streichelorgie kippen. Man kann die Nähe zum anderen genießen, ohne in Aktionismus auszubrechen. Man friemelt sich unter den Apfelbaum, mit Kissen unterm Kopf, vielleicht auf einer Decke, damit man nicht umgehend von Zecken verputzt wird. Das Mittagessen mäandert gemächlich durchs Gedärm, in der Nachbarschaft kloppen sich ein paar Kinder. Man schnauft entspannt ab. Dann schnauft Hundi, in meiner Armbeuge liegend, ab. Dann riecht es kurzfristig ein wenig komisch und man fragt sich, aus welcher Öffnung das Fellknäul abgeatmet hat.…zum Glück ist die weiche Brise hilfreich beim Abtransport. Ich blätter mein Buch eine Seite weiter, der Hund dreht sich auf den Rücken und streckt alle Viere von sich. Mir rutscht das Buch langsam ins Gesicht. Licht aus… Nickerchen. Auch zusammen mit verringertem Bewusstsein zu liegen, kann bindungsfördernd sein.




Bedürfnis kommt von Bedarf, nicht von Bemuss. Ich darf mich um einen Hund kümmern.

Es ist ein Privileg, daß mit bedingungsloser Liebe, Treue bis zum letzten Herzschlag und einem Lebewesen an meiner Seite belohnt wird, dem ich vertrauen kann.



Silvia Dober

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