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  • Silvia Dober

Ellie

Nun ist die Lütte ein halbes Jahr bei uns, ein erstes Resümee.


Mit 18 kg und einer nicht zu verkennenden Niedlichkeit kam der kleine Berserker bei uns an. Frisch aus der Quarantäne, als Gruß aus Palermo, kullerte die kleine Sizilianerin mit ihren beiden Brüdern vor meine Füße, als ich im Franziskushof zu Margots Training war. Nachdem das Adoptionsprocedere abgeschlossen war, holten wir das vierte Quietsch-Girl zu uns nach Hause. Am Anfang hatten wir den Verdacht, sie ist überwiegend mit Trill ernährt worden, denn sie zwitscherte den ganzen Tag. Nicht vor Freude, sondern vor Stress. Hunde kannte sie, alles andere überhaupt nicht. So garnicht. Mülltonnen, Fernseher, Menschen in diversen Größen und Alterungen waren generell keine gute Idee, eine zufallende Tür, Autos…alles verpasst. Man geht in ein anderes Stockwerk, kommt wieder und wird gestellt, als wäre man ein Massakerkandidat. Als vierte im Rudel war sie sehr an der Überlebensstrategie der anderen interessiert und schaute sich viel von deren Aktionen und Reaktionen im Alltag ab. Schön, wenn die Untertanen in der Spur laufen.

Allerdings heißt es nicht, daß man auf Platz vier bleiben muss… jeder Tag ist genau richtig, um an die Weltherrschaft zu gelangen. So der Plan. Suboptimal nur, wenn im Hofstaat niemand von diesem Plan begeistert ist. Allen voran die Chefin, Verfechterin einer wohlwollenden Diktatur.


Am Anfang fraß Ellie alles und immer in Vollspeed. Was die anderen liegen ließen, wurde von ihr gleich fachmännisch entsorgt. Problematik dieser Druckbetankung ist, oft bei Mallorca-Cliche-Touristen bekannt, man kotzt alles im Strahl drei Minuten später auf den Teppich. Die Fliesen sind ja auch so weit weg, nämlich genau neben dem Teppich. Nach zwei Monaten geordnetem Chaos kehrte ein wenig Ruhe in den Hund ein, denn so lange brauchte sie, um stubenrein zu werden. Vorher waren wir zum Teil sechs mal pro Nacht im Garten, denn jedesmal, wenn sie durch einen nicht existierenden Startschuss wach wurde, musste sie raus. So ist das eben mit traumatisierten Lebewesen, da gibt es keinen detaillierten Ablauf. Man passt sich an und nimmt, was einem der Flohzirkus anbietet. Man schenkt dem Hund Zeit und der Hund schenkt einem sich selber. Nachdem Ellie sich immer mehr zum Rudel gehörig fühlte, kamen ihre Gene durch die Unsicherheit durch. Die Mama war ein Kangal (lag plattgefahren an der Straße, die Welpe waren um sie herum) und man sieht der Kurzen dieses Erbe nicht nur an. Sie benimmt sich auch so: wie ein Herdenschutzhund, mit Dosierungsschwierigkeiten. Defensive Abwehr liegt ihr im Blut und wenn sie sich an einen vermeintlichen Eindringling macht… sieht das schon spektakulär aus. Der Postbote meinte mal, daß sie doch nur spielen wolle. Ja, mit seinen Eingeweiden!

Sie erkundet alles mittlerweile mit mehr Neugier als Muffe, untersucht mit dem ganzen Körper. So dengelt sie sich mit der Birne durchs Mobiliar, wie eine Flipperkugel. Im Aszendenten Vollkontakt, im Sternzeichen Abrissbirne. Es kann aber auch nicht jeder Gefäßchirurg werden.

Und dann kommen die sanften Phasen, in denen geschmust wird, bis es kahle Stellen gibt. In tiefer Zuneigung wird man bis auf die Knochen abgeleckt und zärtlich zerquetscht einem der imposante Fang die Extremitäten. Beißhemmung muss man lernen. Sensibel und sanft, gepaart mit ^komm her, du feiger Sack, und bring am besten noch einen mit, du halbe Portion!!!! Ich macht dich kalt, du nichtsnutziger Arsch, der nächste Atemzug ist garantiert der letzte!!^. Sie fühlt sich nun sicher genug, um Forderungen zu stellen. Wird dieser oft minderhöflich gestellten Anfrage nicht nachgegeben, fängt sie das missgestimmte Sabbeln an. Vielleicht ist doch eine Siamkatze mit drin? Klappt das auch nicht, wird eben etwas umgebracht. Vorzugsweise Teddybären, die gucken einen eh den ganzen Tag so blöd-dreist an, daß sie per se einen aufs Maul verdient haben (Guggs du misch an odda woas! Brauchsdd du auf ti Fressä…kom häa, isch gebb dia…midd Nachschlag zum zweiten Scheitel,hehe). Was macht es da, daß der Steiff-Teddy 35 Jahre geschafft hat, dann kam Ellie und es blieb ein requiesce in pacem.

Was ist noch auf der Opfer-Liste: Steckdosen, gerne mit und ohne Strom / Schuhe, deren Design ein Upgrade auf Vintage bekamen/ Kopfkissen, die das Wohnzimmer für Frau Holle attraktiv machten/ Sennheiser-in ear- Bausatz für Liebhaber von Friemeleien/ eine komplette Tube Wundheilsalbe, von der nur der Deckel und das Gewinde überblieb, der Rest wurde gefressen (die Tube war aus Alu und das Schmiermittel quasi dabei)/ eine Knirschschiene frisch unter dem Kopfkissen wegstibitzt und postwendend zerlegt/ Belüftungslöcher für den Hundeteppich/ ne Tube Handcreme/ eine Fernbedienung mit folgendem Kacke-Sudoku usw. So ist das eben, wenn man sich häuslich einrichtet und eine Frustrationskontrolle von null bis minus drei hat.

Wichtig ist nur, den mittlerweile 28kg-Mörser deswegen nicht zu schimpfen. Sie macht es nicht vorsätzlich, sie macht es, weil sie nicht weiß wohin mit ihrer Energie, wenn im Oberstübchen mal wieder Licht an, aber keiner zuhause ist. Neben dieser house-warming-Zeit lernt sie auch die Regeln, die sie für ihren Wohnberechtigungsschein benötigt. Sitz, Platz, Komm, Nein, Voran, Warte, Zurück, Bleib, Schluss, Matte in den jeweiligen Abstufungen (Ampelsystem). Das Ziel ist eine Strukturierung des Alltages auf energetisch niedrigem Level, überwiegend durch Körpersprache und häufigem Lob. Durch Lob lässt sich ein Hund am besten lenken. Das Ungestüme an ihr, ist dem jugendlichen Leichtsinn und der wachsenden Freude am neuen Leben geschuldet. Was wunderbar ist. Manchmal übertreibt sie es ein wenig und gibt dem nicht kooperierenden Estrich die ein oder andere Kopfnuss, weil der sich erdreistet, beim Spiel im Weg zu sein und sich dennoch feige hinter den Fliesen versteckt. Dann guckt die Physio drüber, richtet die Schädelplatten, sodaß die Augen wieder nebeneinander sind und nicht das linke Karl-Dall-ig abgesenkt ist, popelt die Rippe wieder zurück, macht das ISG wieder flott und bastelt die Schulter zurecht. Egal was Ellie macht, es hat den Hang zu MMA- Bas Rutten zittert schon.


Aber wir sagen Bud Spencers kleiner Schwester nicht, was schlimmes passieren kann. Wir zeigen ihr, wie schön es sein kann, wenn man ein bisschen mitmacht, wenn man seinen Beitrag zum Sozialgefüge leistet. Dann hat sie die Wahl. Entweder ist mein Handlungsvorschlag akzeptabel, oder eben nicht. Man darf nur didaktisch nicht auf Notstrom laufen. Wenn der erste Erklärungsversuch in Unverständnis verpufft ist, wählt man einen anderen Ansatz. Es braucht nur Zeit, Nerven und Liebe. Nicht mehr, nicht weniger.

Dann öffnet sich der Hund, man wird ein Team und kann schmunzelnd genießen, wenn sie die Denkmurmel in der Tränke versenkt und mit Begeisterung feststellt, daß es blubbert, wenn man unter Wasser ausatmet.


Silvia Dober

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