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  • Silvia Dober

Der Hund muss sofort raus!


Nicht das erste Mal, daß wir uns diesen Satz vor den Latz haben ballern lassen müssen. Mit dem Assistenzhund einkaufen gehen, das wär so schön. Dinge des täglichen Bedarfs erstehen, wenn man sie braucht, wann man möchte oder einfach mal so bummeln und gucken, was einen so anspringt.

Nun habe ich feststellen müssen, daß uns meist die Filialleitung anspringt. Und zwar nicht in einem Akt überschwänglicher Zuneigung zum Portemonnaiebesitzer. Eher geht es darum den Hund aus dem Laden zu werfen, denn Tiere dürfen sich dort nicht aufhalten.

Ein Assistenzhund ist jedoch kein Hund-Hund im rechtlichen Sinn, sondern ein Hilfsmittel. Parallelen wären exemplarisch: ´nem Sehbehinderten den Stock nehmen (das Geräusch nervt die anderen Kunden), dem Rolli-Fahrer sein Fortbewegungsmittel konfiszieren (ein Supermarkt ist keine Straße, mit Inlinern und Skateboards darf man auch nicht durch die Obstabteilung cruisen)…das sind nur ein paar Beispiele, von denen es noch zig mehr gibt.

Bevor ich mit meiner Kundin und ihrem Träumchen von Hund in einen Supermarkt gehe, mache ich mich bezüglich der Politik des Marktes zum Thema Assistenzhund schlau. Oft wird freigiebig proklamiert, daß das Personal geschult ist und Menschen mit Handicap gern gesehene Kunden sind. In echt…konnte ich das leider nicht so werbetechnisch elaboriert feststellen.

Wir haben mittlerweile unterschiedliche Ketten besucht und obwohl es gesetzestechnisch eine klare Linie gibt, scheint diese zu verblassen wie ein aufgeschürftes Knie.

Da gibt es Märkte, die antworten umgehend freundlich auf meine Mail, sagen, wie sie es am liebsten hätten. Dann gibt es Märkte, von denen hört man nichts. Einer frug sogar, ob sie für uns einen Gang absperren sollten, damit wir üben können, was wir möchten. Da hab ich nicht schlecht gestaunt und mich für diese Möglichkeit bedankt. Und dann gibt es Shops…die wunderbar als Beispiel dienen. Als Negativbeispiel.

Ich melde uns an. Aus dem Kundencenter kommt eine überaus freundliche Nachricht, daß ich nichts machen müsse, weil das Personal geschult ist und ich maximal nur an der Kasse sagen könne, daß wir gleich den Laden betreten werden. Aber müssen muss ich das nicht, denn alle sind geschult. Anfangs war ich positiv überrascht, mittlerweile weiß ich, daß man offensichtlich inner Baumschule doch nicht alles lernt.

Ich bin eine Viertelstunde vor Termin bereits vor Ort, habe Papiere zur Legitimierung dabei und gehe in den Kassenbereich. Dort sitzt eine fleißige Frau, die mich nach meiner Eingangsrede nur fragt, ob ich deswegen noch jemand sehen muss. Ihr würde die Info reichen. Ich erwiderte, mir falle da nur noch die Leitung des Marktes ein. Sie könne es aber auch gerne weitergeben. Macht sie, sagte sie, denn der Leiter ist grad nicht da. Na dann.

Meine Kundin war mittlerweile eingetroffen und nach dem Standardprocedere (Papiere dabei-Check, Hundi auf Klo-Check, Einkaufszettel-Check) betraten wir das Geschäft. Wir waren zum ersten Mal dort, und einige Kunden guckten, als ob sie ihren Augen nicht trauen können. Von angeekelt bis positiv interessiert war alles dabei. Wir tingelten weiter durch die Regalreihen. An der Milch wurden wir dann gestellt. Gestellt ist das dafür richtige Wort. „Das ist ein Lebensmittelgeschäft, der Hund hat hier nichts verloren. Verlassen Sie sofort den Laden!“ Der Mann kam auf uns zugestürmt, als ob wir nuklear verseucht wären und er nun Angst um seine Waren hätte. „Nein“ sagte ich. „Ich bin der Marktleiter und wenn ich sage sie müssen raus, dann müssen sie gehen.“ Der Krawatten-Imperator pumpte sich auf.


„Mein Name ist Silvia Dober, ich bin Assistenzhundetrainerin und bin gerade mit meiner Kundin und ihrem Hund hier zum Arbeiten.“ Aufgrund dieser Art an uns heranzutreten, rutschte meine Kundin in den Autopilot, war nervlich stark beansprucht. Der Hund merkte das umgehend und suchte ihre Nähe, drückte sich an sie. Ich sag´s ja, der Hund ist ein Träumchen. „Bevor wir das Geschäft betreten haben, habe ich uns zuvor bei Ihrer Kollegin an der Kasse angemeldet, obwohl ich das nicht muss.“ „Äh.“ „Ich habe mich angemeldet, um meiner Kundin so eine unprofessionelle Herangehensweise zu ersparen, denn das schadet ihr. Außerdem sollten Sie sich erstmal vorstellen, bevor Sie uns hier so anmachen.“ „Der Hund muss raus!“ „Das ist kein Hund, das ist ein Hilfsmittel.“ „Hä?“ „Das heißt nicht: HÄ, das heißt: wie bitte.“ „Was!“ „Diese Papiere belegen, daß wir hier sein dürfen.“ Und zeigte ihm die entsprechenden Unterlagen, die wir bei uns tragen. Er überflog sie grob. „Das ist die Korrespondenz mit dem Kundencenter Ihres Hauses.“ Das laß er dann wirklich, denn wo das Firmenlogo drauf war, schien ja das echte Gesetz für ihn zu sein. Ich kotze gleich. Aber, das habe ich mir nur gedacht.

Dann war der Schalter umgelegt. Er packte die Grubenpony-Lampe aus, grinste wie Pacman und kroch uns hinten rein: „Selbstverständlich können Sie alle Vorteile des Marktes genießen.“ „Mit genießen hat das bis jetzt nichts zu tun. Bis jetzt werden wir nur diskriminiert. Und rausgeworfen.“ „Sie dürfen hier gerne einkaufen.“ Sagte er und verschwand. Neben mir zitterte meine Kundin. Für mich war der Typ nur unverschämt und kein Dienstleister. Für sie war es gefühlt ein Angriff.

Letzte Woche waren wir in einem Supermarkt, der ebenfalls damit wirbt, daß Assistenzhunde willkommen sind. So die Homepage. Wir gingen ohne eine direkte Anmeldung in den Markt. Die zuvor von mir geschriebene Email ist übrigens bis heute noch nicht beantwortet worden. Wir gingen rein, alles gut. Nach drei Metern fuhr eine Aufsitz-Wischmaschine an uns vorbei. Eine Minute später war der Filialleitungsgorilla da. „Der Hund muss raus.“ „Guten Tag“, versuchte ich durch eine Begrüßungsfloskel das Gespräch einzuleiten. „Der Hund muss raus!“ Ich spulte wieder sachlich und freundlich meine Rede zum Assistenzhund und dessen Ausbildung ab. Dann kam die Sternstunde meiner Kundin. „Das Gesetz ist auf meiner Seite.“ Und übergab dem Aggressor in Kopie die Gesetzestexte zum Assistenzhund im öffentlichen Leben.

Ich bin so stolz auf sie! Vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen. Durch den Hund an ihrer Seite wird sich sicherer, fühlt sich sicherer und tritt immer mehr auch so auf. Ist nun in der Lage für sich einzustehen, weil der Hund ihr den Rückhalt gibt, den sie benötigt. Weil er Aufgaben ergänzend erfüllt, die sie ohne ihn nicht bewerkstelligen hätte können.

Der Supermarktmensch lehnt dankend ab, die Gesetze bräuchte er nicht. „Doch hier, können Sie behalten, das ist eine Kopie.“ Nochmal…mir geht das Herz auf!

„Auf der Homepage steht, daß wir hier willkommen sind“ sagte ich. Ich zuckte mein Handy, prophylaktisch hatte ich einen Screenshot dabei. „Na, dann ist doch alles in Ordnung. Entschuldigen Sie bitte. Und viel Spaß beim Einkaufen.“ Weg war er. Zumindest für den Moment. Kurz darauf hatten wir einen Schatten, der aussah, wie er. Der Schatten räumte Kartons hin und her, drehte Gläser in den Regalen und vollzog noch ein paar Alibi-Tätigkeiten, damit er uns auf den Fersen bleiben konnte. Vertrauen ist gut, Kontrolle offensichtlich besser. Aber, nicht schlimm, denn wir haben nichts zu verbergen. Wenn er gefragt hätte, hätte ich ihm alles erklärt, was er wissen wollte. Aber das wäre vermutlich zu einfach gewesen.

So, wat kann man nu zusammenfassend sagen? Prinzipiell sind Assistenzhunde gern gesehen, sofern sie nicht unbedingt in den Laden kommen. Weißt man sich und das Gespann aus, steht die Information des Marktes mehrheitlich über der Gesetzgebung der Bundesregierung. Sich anmelden schützt nicht vor angekackt werden.

Hier nun, wie ich es gerne hätte, wenn ich es mir so backen könnte: „Guten Tag, mein Name ist …., ich bin hier die Leitung. Haben Sie eine Berechtigung den Hund bei sich zu führen?“ Das reicht. Nicht mehr und nicht weniger.

Man adressiert den Kunden, egal wie sein Status ist, höflich und weist sich selber mit der eigenen Funktion aus. Gibt so dem Angesprochenen die Option sich zu erklären. Dann wirft man einen Blick auf die Papiere, die der Halter eines Assistenzhundes bei sich führt. Dann schaut man sich die Papiere an, obwohl da Buchstaben in nicht alphabetischer Reihenfolge drauf sind. Man kann den Lichtbildausweis mit den Dokumenten vergleichen und sehen, wer vor einem steht.

Ein Mensch.

Dann wirft man einen Blick auf den Hund, der deutlich gekennzeichnet ist. Sowohl mit Buchstaben, als auch mit Piktogrammen. So ist für jede Lebensform die Information abnehmbar, auch, wenn man selber nur mit einem blutigen Daumenabdruck unterschreiben kann.

Es ist schick sich damit zu rühmen, was man alles für die Gesellschaft tut, wen man als seine Kunden gern sieht. Wie gut das eigene Personal geschult ist. Blöd nur, wenn das Personal nix davon weiß.

Es ist egal, ob es die Leitung einer Filiale ist, der Kaufhausdetektiv oder der verächtliche Kunde.

Macht Eure Augen auf, schaltet das Hirn ein und bewahrt Euch die Sozialkompetenz eines höher entwickelten Säugetieres. Es spielt nicht nur eine Rolle, was ich gut finde, was mich stört oder vielleicht auch ekelt. Wagt zumindest für ein paar Sekunden auch den Blick aus der Perspektive desjenigen, den ihr gerade mit Kimme und Korn bedacht habt.

Der Verlauf einer einzigen Sekunde Eures Lebens kann ausschlaggebend sein und ihr braucht auch einen Assistenzhund.

Bleibt menschlich. Informiert Euch. Zeigt den Respekt, den Ihr Euch gegenüber als selbstverständlich erachtet.

Silvia Dober

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