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  • AutorenbildSilvia Dober

Der Empfang ist murks...

Der Empfang is murks…wackl ma anna Antenne


So hieß es früher immer, wenn der Fernseher mehr Schnee als Bild zeigte. Ok, viel früher, aber dennoch spiegelt sich da ein Sender-Empfänger-Problem wieder, was an Aktualität nicht verloren hat.


Was sind nun diese Antennen beim Hund?

Mein Hund hat ne Antenne für Katzen. Meiner für Leberwurst, ein anderer für Bälle. Soll heißen, eine kleines Signal vom Wunschreiz und man sieht nur noch nen Kondensstreifen und der Sonnenschein zeigt eine kleiner werdende Rückansicht.


Die Antennen, die ich gerade meine, sind soviel prominenter, als die Jagd auf Sicht.

Heute geht es um Sinushaare, umgangssprachlich auch Bart- oder Schnurrhaare (bei Miezekatzen).


Eigentlich sind das Haare, wie alle anderen auch. Sie wachsen nach, immer an der gleichen Stelle und passen farblich meist zum Rest des Trägers. Und wenn Schnuffi beim Friseur ist, kann man im Zuge eines ordentlichen Erscheinungsbildes das Gestrüpp auch gleich dem restlichen Outfit anpassen. Eine glatte Schnauze ist eine schöne Schnauze, denn zweckmäßig bleiben da auch weniger Schmott/ Futter/ Wassertropfen dran hängen.


Stutzt man nun dem Haushund diese Haare… ist es für das Tier so, als wenn man uns die Finger abschneiden würde. Finger abschneiden ist doch sinnvoll, man kann kleinere Fäustlinge stricken und Händewaschen geht schneller…


Watt`n Schwachsinn.


Aber warum sind nun diese Haare für den Hund (die Katze, Nager, Pferde, uvm., sogar Eulen- da sind es Sinusfedern) so wichtig?

Wahrnehmung der Umwelt, Schutz vor Verletzung, Kommunikation mit Artgenossen und anderen Lebensformen (sofern sie hingucken und das Interpretieren schaffen), Beute machen, Orientierung, Unterstützung des Geruchssinns, Ergänzung der Augen in der Dämmerung und das ist bestimmt noch nicht alles.


Nimmt man einem Hund diese Sinushaare/Vibrissen, nimmt man ihm einen Teil seines Körpers, ein Sinnesorgan. Die Tasthaare befinden sich beim Hund an den Augenbrauen, an den Wangen, am Fang vorn an den Lefzen und am Unterkiefer. Sie sind deutlich länger und dicker, als das übrige Fell und eingefasst von sensiblen Nerven, die über die Hebelwirkung der langen Haare, ein detailliertes Bild der Umgebung an den Hund weitergeben. Berührt man den Hund an den „Augenantennen“, gehen seine Seelenfenster reflexartig zu. So schützen diese Rezeptoren nicht nur vor übergriffigen Menschen, die unbedarft einfach die Hand auf die Birne des Felligen fallen lassen, sondern auch beim Stöbern im Unterholz. Wären sie normales Fell, dann würde der Hund im Laufe des Jahres immer wieder mal einfach ein paar Wochen ohne da stehen. Jedoch, nur weil Fellwechsel ist, schmeißt der Körper nicht gleich Sensoren mit ab. Wahrnehmung brauche ich immer. Sommerfell …wird saisonal getauscht.



Mit Sinushaaren können Hunde klar feststellen, aus welcher Richtung der Wind kommt, also auch, in welcher Richtung die verfolgte Spur nachlässt, oder intensiver wird. Und…wie ist beim Fährten eigentlich der Abstand zum Boden? Ginge es nach der Nase, dann wäre diese bald abgeschabt. Durch die Vibrissen kann Hundi einen sicheren Abstand wahren und dennoch so nah wie möglich an der Spur sein.

Auch zum Ertasten von Oberflächen und Unbekanntem werden diese Haare verwendet. Wer von seinem Hund mal im Gesicht abgeschnüffelt wurde weiß, wie kitzelnd diese kleinen Borsten den Erstkontakt machen. Wie mit ein luftigen Besen kehren sie die Oberfläche ab, stellen die Grenze von Brille zu Gesicht fest, ist da vielleicht ein Piercing, Mittagessen im Bart des Mannes oder ein Pflaster im Gesicht? Hunde nehmen bei dieser Form der Erkundung das Tempo raus und man sieht ihnen die Konzentration im Gesicht an, wenn sie die Flut an haptischen Informationen verarbeiten und sich in ihrem inneren Auge ein Bild von dem formt, was sie so nicht sehen können.

Die meisten Hunde können verrückterweise nicht unter ihren Kiefer gucken.

Dafür sind die Tasthaare da. Die Sinneswahrnehmung des Erfühlens lässt sich auch nicht über Nase, Auge oder Ohr austauschen. Ohne das Haar ist tasten nicht möglich. Wie gefällt mir wohl die Kunstausstellung mit ner Augenbinde? Wie gut riecht das frisch bezogene Bett, wenn ich total verrotzt bin? Wie ist die Konsistenz des Sorbets, wenn ich vorher beim Zahnarzt die Schnute anästhesiert bekommen habe?

Wären Vibrissen nur Deko, könnten sie am Ende ihrer Lebensdauer einfach ausfallen und dann kommt irgendwann ein neues Strupselchen nach. Bis das allerdings voll einsatzfähig ist, dauert es auch. So hat es die Natur so eingerichtet, daß eine Vibrisse in Arbeit erst ihren Arbeitsplatz verlässt, wenn der Tasthaarazubi die Lehre beinahe abgeschlossen hat. Das alte Haar fällt aus, wenn der Nachschub zu Dreivierteln ausgewachsen ist, damit eine lückenlose Nachrichtenübermittlung gesichert ist.


Die kommunikative Komponente wird oft vernachlässigt, was vermutlich seitens der Zweibeiner daran liegt, das selbige nicht genau genug hingucken. Oder überhaupt.

Tasthaare sind mit der quergestreiften Muskulatur verbunden. Haare Haare Haare mit der längsgestreifte Muskulatur und lassen sich nicht willkürlich bewegen. Soll heißen, der Hund kriegt ne Bürste, weil er sich vielleicht beim Anblick eines Konkurrenten aufregt. Die Stresshormone tanzen Lambada und der Körper zeigt dies. Oder der Mensch friert sich die Hacken ab, woran sein Körper eine Gänsehaut an den Tag legt, um mit der meist spärlichen Restbehaarung die Körperwärme zu halten.

Bei Tasthaaren ist da deutlich mehr vorsätzliche Action. Kommt ein ranghöheres Rudelmitglied in Sicht, zeigt Hundi unterwürfiges Verhalten, weil es für ihn Sinn macht. Er wählt eine submissive Darstellung seines Körpers, damit er diesen noch ein Weile behält. Dazu gehört auch das Anlegen der Tasthaare an den Fang. Sieht er jedoch etwas, wobei ihm die Galle überkocht und er nen Rochus entwickelt, gehen die Haare nach vorn und richten sich auf das Ziel aus.



Nach § 6 des Deutschen Tierschutzgesetzes (2019) ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltiers verboten.


Das ließt sich vielleicht ein wenig übertrieben, denn es geht ja *nur* um Haare. Und diese wachsen schließlich nach. Nem blinden Menschen nimmt man auch nicht den Stock. Er braucht ihn, um seine Umwelt ertasten zu können und eine möglichst genaue Darstellung für Bereiche zu bekommen, die er durch mangelndes Augenlicht nicht wahrnehmen kann. Und man sagt auch nicht zu ihm, daß der neue Stock in 6-8 Wochen wieder da/nachgewachsen ist und er sich einfach auch mal ein wenig umstellen und mit der Situation arrangieren kann.


Und nun wird wegen modischem Empfinden, weil hübsch offensichtlich wichtiger als gesund ist, das Tastorgan eingetütet, äh, abgeschnitten. Man kann auch drumherum schnippeln. Aber das dauert eben und für diese Dauer muss man auch den Hundefriseur bezahlen. Da ist ein kategorischer Cut ja billiger, verflixt, ich sollte effizienter schreiben. Es geht hier nicht um Hundefriseure, die ihren Job verantwortungsvoll machen. Im Gegenteil, es gibt auch die Vertreter ihrer Zunft, die abstruse Haarmassen so ausdünnen, daß Hunde wieder funktionierende Tasthaare haben, die sich bewegen können. Vielen Dank an dieser Stelle.

Auch, wenn es nur ein paar Strupsel sind, es sind wichtige Strupsel.


Die Rezeptoren sind immer da, aber ohne Antenne kein Empfang.


Silvia Dober

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