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  • Silvia Dober

Brötchen in Nötchen



Der kleine Paddy. Mit sechs Wochen kam er zu uns, rein rechtlich gesehen nicht einwandfrei, denn die frühste Abgabe eines Welpen findet ab der achten Woche statt, doch die Dinge waren nunmal, wie sie waren. Der kleine Wurm kam zu uns und machte das, was Welpen so machen. Jede Menge Quatsch mit Soße, Nickerchen, ein bisschen was kaputt und jede Menge Freude. Wenn man einen Hund in blanko bekommt, hat man alle Optionen. Je nach Veranlagung des Tieres und eigenem Interesse ist von Wachhund, über Hüte- und Jagdhund bis zum klassischen Begleiter mit (Assistenzhund) und ohne direkte Aufgabe (Familienbuddy) alles drin. Solang man sich mit dem Herz auf vier Pfoten beschäftigt, sind die kleinen Haarspender meist zu allen Schandtaten bereit. Der Grundgehorsam war im Groben soweit auf seiner Festplatte. Nun konnte man eine Klasse aufrücken, den i-Männchen-Status langsam einmotten. Wir fuhren in die Stadt. Das Auto wurde im Zentrum geparkt und wir machen uns motiviert auf in die Fußgängerzone. Als wir aus einer Seitengasse auf der hiesigen Flaniermeile ankamen, konnte man sofort eine Veränderung beim Fellknäul bemerken. Die Rübe senkte sich leicht, alles wirkte irgendwie suspekt. Wo kamen die ganzen Menschen her? Und warum war der Himmel plötzlich so hell? Architektonisch haben Hunde nicht soviel drauf. Bei denen ist der Himmel da, oder verdeckt. Warum ist egal. Freie Flächen von jetzt auf gleich wirken einschüchternd. Der erste Kontakt mit einer fremden Umgebung sollte in möglichst entspannter Weise stattfinden. Also nicht um elf über Rathausplatz hetzen, wenn Markt ist und die halbe Stadt Kartoffel und Gedöns bunkern will.

In unserem Fall waren wir nach Öffnung unterwegs. Die Geschäfte präparierten sich für den Tag, die Waren wurden auf Ständern vor den Eingang geschoben, erste Menschen waren unterwegs. Nix Wildes. Paddy und ich schlenderten durch die Altstadt. Mit glühender Nase nahm er jede Laterne, jeden Stromkasten, jeden Gehwegreiter mit. Dazu die vielen Zweibeiner, die neuen Vierbeiner, die ganzen kleinen Zweibeiner, die zu faul zum Laufen waren und in butterkeksgespickten Transportboxen rumgeschoben wurden. Sachen gibt’s!

Auf dem Rückweg noch beim Bäcker angehalten. Hunde haben in der Bäckerei keinen Zutritt. So kam nun der Moment, in dem ich testen konnte, ob die didaktischen Liegestütze im heimischen Terrain von Nutzen waren. „Sitz. Gut. Bleib.“ Freundliches Gesicht meinerseits und gesitteter Abzug in den Laden. Der kleine Schnuffel saß, mit dem Poppes am Schaufenster, und harrte meiner Rückkehr. Ich kann nur sagen, auch wenn es für den Einkauf von zwei Alibi-Brötchen war und nicht ne komplette Hauseinrichtung, auch für mich war es aufregend. Klappt es, klappt es nicht… und wenn nicht, wie schlimm-verschwunden wird es? Vor mir war noch ein Sargeinlage am Wechselgeldfriemeln… draußen kam eine Frau nah am Fenster vorbei. Ich sah nen Tütenhängenbleiber durch die Bewegung ihres Armes. Blick aus dem Fenster, Paddy schüttelte sich einmal kurz und pflanzte sich wieder. Ich bewundere immer diese aufmerksamen Menschen, die außer sich nichts wahrnehmen. Die Uschi hatte Paddy im vorbeigehen mit der Tüte gestreift. Die Tüte pendelte leicht (also war nichts Schweres drin und ich ließ Ignorazia in ihrem Paralleluniversum). Egal, der Hund saß wieder wie abgesetzt und mein Paddygogenherz freute sich. Bestellt, bezahlt und wieder draußen, stand dort nun ein Ordnungshüter der Stadt. „Ist das ihr Hund?“ „Ja.“ „Können sie das beweisen?“ „Ja.“ „…dann machen se ma.“ Er wirkte ein wenig ungehalten. „Sie begehen eine Ordnungswidrigkeit, weil der Hund dort verlassen wurde. Hunde müssen in durchgängig bebauten Gebieten angeleint sein.“ „Ist er doch.“ Bei solchen Antworten muss man gucken, denn es kann flux exponentiell teuerer werden. „Nein.“ „Doch.“ „An dem Hund hängt eine Sportleine, direkt vom Halsband runter.“ Ok, es gab wegen der Kürze noch nicht mal Bodenkontakt. Der Hanse-Sheriff sah nochmal hin. Das sei ja wohl keine wirkliche Leine, seine Antwort. Jetzt war Diplomatie angesagt, denn so ganz lege artis war es echt nicht. „An der Leine ist ein Karabiner, am Karabiner ist ein Halsband, am Halsband ist die Steuermarke, im Halsband ist ein Hund.“ „Sie müssen den Hund festmachen, bevor sie verschwinden!“ „Ich muss den Hund sichern, wenn ich seinen Dunstkreis verlasse. Er blieb sogar sitzen, als er eine mit ner Plastiktüte gewischt bekam.“ Das habe er gesehen, denn da war ihm aufgefallen, daß er nicht festgemacht war. Paddy dauerte das ganze Palaver zu lange und hatte sich mittlerweile abgelegt. Warum sitzen, wenn ich liegen kann? „Sagen Sie mir die Steuernummer des Hundes, damit der Bescheid versendet werden kann.“ „Die Nummer steht auf der Steuermarke.“ „Das kann ich von hier nicht lesen.“ „Ich auch nicht, ich bin stark kurzsichtig. Aber gehen sie doch einfach näher ran.“ Und zeigte auf meinen Sonnenschein. „Ich hab Angst vor Hunden“, sagte der Sheriff. „Tja, Augen auf bei der Berufswahl. Dann schreiben Sie mir doch den Beleg, er ist nämlich Analphabet. Und ich glaube auch nicht, daß das noch was wird, wenn man bedenkt, wie lange ein solides Sitz und Bleib unter Ablenkung dauert.“ „Das ist frech!“ „Ja, mir reicht es jetzt auch. Paddy, auf.“ Ich bückte mich, damit ich an den Fussel von Leine kam, gab dem Caniphoben meinen Namen und ging.

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